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Aus der Region

Von bloßer Toleranz zu echter Begegnung

Gastbeitrag

Jedes Jahr am 9. November gedenken viele Christen der Leiden jüdischer Menschen während der Nazi-Herrschaft. Josef Tammer, Leiter der ökumenischen Arbeitsstelle des Bistums Dresden-Meißen, fordert aus diesem Anlaß zum Nachdenken über die notwendige Hinwendung des Christentums zum Judentum auf:

Es ist schon paradox: Obwohl der Gedanke der Toleranz seinen tiefsten Grund im jüdisch-christlichen Menschenbild hat, war es ausgerechnet die Aufklärung, welche ihm gegen den vehementen Widerstand der Kirche zum Sieg verhalf. Sehr langsam mußte diese lernen, daß Toleranz und Glaubensgewißheit sich nicht gegenseitig ausschließen. Erst die Konzilserklärung "Dignitatis humanae" über die Religionsfreiheit (1965) brachte den Durchbruch in der offiziellen kirchlichen Lehre, wonach das Recht auf religiöse Freiheit und das Handeln nach dem eigenen Gewissen in der Würde der menschlichen Person selbst begründet sind.

Durch Jahrhunderte wurden Andersdenkende und Andersgläubige ausgegrenzt oder verfolgt, nur weil man selbst die Wahrheit in Lehrgebäuden oder Bekenntnisformeln zu besitzen glaubte. Unendlich ist die Spur des dadurch verursachten Leides bis in unsere Zeit. In besonderer Weise ist hier die Schuldgeschichte der Kirche gegenüber dem Judentum zu erinnern. Jahrhundertelange Polemik und Verfolgung, aktiv betrieben oder passiv geduldet, haben den Weg geebnet zum versuchten Genozid an den Juden in unserem Jahrhundert durch die Nazis, wofür der Name Auschwitz zum Symbol wurde.

Toleranz bedeutet: dulden, gewähren lassen. Respekt und Achtung vor der Würde des Menschen verlangen diese Haltung gegenüber jeder anderen Religion und Anschauung, sofern diese auch selbst die Würde jedes Menschen achtet. Im Verhältnis vom Christentum zum Judentum reicht diese Haltung aber nicht aus. Juden brauchen die Christen nicht, um Juden zu sein, aber das Christentum braucht die lebendige Beziehung zum Judentum. Ohne diese ist das Christentum wie ein Baum ohne Wurzeln (Röm 11/18). Es ist nicht auszudenken, wie viele Irrtümer und Versuchungen das Christentum entgangen wäre, wenn diese Beziehung zur tragenden Wurzel gepflegt worden wäre.

Jesus lebte und starb als Jude. Seine Glaubenserfahrung und seine Botschaft können wir nur verstehen im Horizont der lebendigen jüdischen Tradition. Dasselbe gilt erst recht für die Deutung der Person Jesu durch seine jüdischen Jüngerinnen und Jünger nach seinem Tod. So ist heute die tatsächlich große ökumenische Frage unsere Beziehung zum Judentum. Denn die tiefste und ernsthafteste Spaltung im Volk Gottes ist der Riß zwischen Kirche und Israel, dem bleibenden Volk Gottes und dem durch den Juden Jesus und seine jüdischen Jüngerinnen und Jünger den Völkern geöffneter Bund Gottes mit Israel, woraus die Kirche entstand.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 10.11.1996

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