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Aus der Region

Splitter vom "wahren Kreuz"?

Sensationeller Reliquien-Fund in Halberstadt

Halberstadt - Eine durch Zufall in Halberstadt gemachte Entdeckung hat sich als der vielleicht bedeutendste Reliquienfund auf deutschem Boden herausgestellt: Kurz vor Abschluß der Restaurationsarbeiten an der großen Triumphkreuzgruppe im Halberstädter Dom wurden im Haupt der Christusfigur eine Steinplatte, drei kleine Stoffbeutel mit Knochensplittern und ein Papierknäuel entdeckt. Möglicherweise ist unter den gefundenen Gegenständen auch ein Splitter des sogenannten "wahren Kreuzes" Christis.

Die Restaurationsarbeiter wollten eigentlich nur den Zustand des Holzes und die Auswirkungen eines Tränkungsmittels, das bei Restaurierungsarbeiten in den 50er Jahren dem Holz der Christusfigur zugefügt wurde, ermitteln. Dabei entdeckten sie in der dreieinhalb Zentimeter tiefen Bohrung in dem Christuskopf Papierfragmente.

Die Untersuchungen aller vier gefundenen Objekte durch Fachkräfte führten zu erstaunlichen Erkenntnissen und Vermutungen: Besonders interessant ist die dreieinhalb Zentimeter hohe und etwa fünf Millimeter dicke Steinplatte, auf der ein Doppelkreuz abgebildet ist. Diese typisch byzantinische Darstellungsform, besteht aus eingelassenen Spänen aus Zedernholz, dessen Alter vermuten läßt, daß die Splitter wahrscheinlich vom Kreuz Christi, dem sogenannten "wahren Kreuz", stammen.

Das gefundene Papierknäuel, das ursprünglich ein einziges Blatt bildete, ist wahrscheinlich ein Dokument aus der Zeit um 1200. Aufgrund seines morbiden Zustandes und um die Schrift nicht zu beschädigen, mußte es unter Vakuum entblättert werden. Der Text ist nicht in lateinischer, sondern griechischer Sprache verfaßt. Zur Zeit versuchen Fachleute ihn zu entschlüsseln. Die Zerstückelung des Papieres und die verwendeten, nicht allgemein bekannten Abkürzungen führen dabei jedoch zu einigen Schwierigkeiten.Die drei farbigen Leinenbeutel enthalten Knochensplitter, die mit Hilfe von Röntgenaufnahmen entdeckt wurden. Schmale Pergamentstreifen in jedem Bündel, dürften die sogenannte "Authentik" darstellen, die nach mittelalterlichem Brauch als Beglaubigung den Namen des Heiligen tragen, dessen Reliquien enthalten sind. Auch diese Buchstaben sind griechischen Ursprungs.

Diese ersten Ergebnisse der Untersuchung des Fundes sollen jetzt durch weitere intensive Arbeit von Fachleuten erweitert werden, denn eine genaue Aussage zur Datierung der Funde ist noch nicht möglich, da keine Vergleichsmöglichkeiten oder Parallelbeispiele bekannt sind. Endgültige wissenschaftliche Auswertungen, die 1997 erwartet werden, könnten dann die geschichtlichen Hintergründe und die bisher noch umstrittene Datierung der Triumphkreuzgruppe lösen.

Auf jeden Fall müssen die Fundstücke um das Jahr 1200 aus Byzanz nach Halberstadt gekommen sein. Möglicherweise sind sie ein Geschenk des Bischofs Konrad von Krosik, der sich während des Kreuzzugs in Byzanz aufgehalten hat. Zu dieser Zeit war es üblich, derartige Stücke religiöser Verehrung als Geschenke an bedeutende Persönlichkeiten der damaligen Zeit zu vergeben.

Katharina Funke

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 15.12.1996

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