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Bistum Magdeburg

Gesundheitswesen in der Kostenfalle?

Medizinforum bei der Katholischen Akademiearbeit

Magdeburg / Halle (tdh) - Bis vor wenigen Jahrzehnten lagen die Grenzen für die abendländische Medizin in der naturwissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeit. Heute fordert die Kostenexplosion dazu heraus, über die Möglichkeit und Notwendigkeit von Grenz-Ziehungen im Gesundheitswesen nachzudenken. Die Akademiearbeit im Bistum Magdeburg griff diese Herausforderung auf und lud in Magdeburg zu Diskussionsveranstaltungen über die Finanzierbarkeit moderner Medizin ein.

Zur unumgänglichen Kostensenkung müsse über eine vernünftige Rationalisierung nachgedacht werden, sagte Dr. Rudolf Giertler, Chefarzt des Erfurter St.-Nepomuk-Krankenhauses während der Magdeburger Veranstaltung. Die hochtechnisierte Apparatemedizin verleite Ärzte häufig dazu, ihre Patienten teuren Behandlungsverfahren zu unterziehen, obwohl weniger aufwendige Therapiearten den gleichen Zweck erfüllten.

Sein Berufsstand befände sich oftmals in einem Dilemma, erläuterte er an einem Beispiel: In vielen Kliniken hänge heutzutage der Personalstand davon ab, wieviele Leistungen durchgeführt würden. "Je mehr Röntgenuntersuchungen wir machen, desto mehr Personal wird uns bewilligt. Wer da spart, schneidet sich ins eigene Fleisch".

Gleichzeitig warnte Rudolf Giertler aber auch davor, im Gesundheitswesen alles nach einer Kosten-Nutzen-Bilanz auszurichten. Gerade ältere Menschen würden sonst auf der Strecke bleiben. Gefordert sei der umsichtige Mediziner, der in Absprache mit dem Patienten eigenverantwortliche Entscheidungen treffe.

Auch der Erfurter Moraltheologe Professor Josef Römelt mahnte, das Verhältnis von Arzt und Patient wieder auf eine "menschlichere Basis" zurückzustellen. Zugleich kritisierte er ein übertriebenes Anspruchsdenken bei Patienten. Viele Menschen handelten heute nach dem Grundsatz: "Für meine Gesundheit kommt der Staat auf..

Zu den Aufgaben der Politik gehöre es, einzugreifen, wenn der medizinische Fortschritt Selbstzweck zu werden drohe, äußerte Winfried Reckers aus dem Gesundheitsministerium Sachsen-Anhalts.

"Als wir die Veranstaltungen vor einem halben Jahr planten, war noch nicht abzusehen, daß sie gerade in eine heiße Phase gesundheitspolitischer Diskussion treffen würden", sagt Dr. Johannes Piskorz, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik im Elisabeth-Krankenhaus Halle, der das Gespräch sowohl in Magdeburg als auch in Halle moderierte. Für ihn selbst stelle sich die grundsätzliche Frage, ob viele Probleme im Gesundheitswesen nicht aus dem ständigen Bestreben der Ärzte, Politiker und auch der Pharmaindustrie herrührten, die unerfüllbare menschliche Hoffnung auf ewige Gesundheit zu bedienen und zu schüren. Während der Veranstaltung in Halle wurde diese Frage sehr lebhaft erörtert.

Die Einsicht in die Begrenztheit der Gesundheit könnte dazu führen, daß man sich auf Rationierungen in der Medizin einige, äußerte ein Diskussionsteilnehmer. "Würde mit entsprechenden Übereinkünften nicht aber das Selbstbestimmungsrecht derer verletzt, die die Endlichkeit ihrer Gesundheit nicht akzeptieren wollen?" lautete eine der Fragen, auf die die Fachleute zwar keine abschließenden Antworten fanden, die aber zu weitergehendem Nachdenken anregten.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 15.12.1996

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