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Bistum Dresden-Meißen

Leben auf Bewährung

Vertragsarbeitnehmer

Dresden - Abia Jovo aus Mosambik arbeitete von 1988 bis zum Ende der DDR als Vertragsarbeitnehmer in Dresden. Wie für viele andere Landsleute aus Mosambik, Vietnam und Angola stellte sich auch für ihn 1990 die Frage: Was wird nun aus mir? Sechs Jahre später ist Abia Jovo zwar noch in der Bundesrepublik, die Frage nach der Zukunft aber ist noch immer nicht beantwortet.

Nach wie vor gibt es für die ehemaligen Vertragsarbeitnehmer keine eindeutige Rechtslage, was ihren Aufenthaltsstatus betrifft. Beate Schütz, seit Oktober Sozialpädagogin in der Dresdner Caritas Beratungsstelle für Aussiedler und Ausländer, wurde bald nach ihrem Arbeitsantritt mehrfach mit Menschen konfrontiert, die ihre Angst und Unsicherheit über den Zustand formulierten.

Nachdem sie sich mit der Lage vertraut gemacht hatte, lud sie kurzerhand drei Mosambikaner und die Presse ein, um das Problem an die Öffentlichkeit zu bringen. Normalerweise bekommen Ausländer eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, wenn sie acht Jahre in der Bundesrepublik leben. Bei den ehemaligen Vertragsarbeitnehmern wurde ihre Zeit in der DDR jedoch bisher nicht anerkannt. Die Folge: Sie bekamen zunächst lediglich Aufenthaltsbewilligungen, die eigentlich für kurze Aufenthalte wie bei Studenten vorgesehen sind, oder befristete Duldungen.

Seit 1993 bekommen sie eine Aufenthaltsbefugnis, die jeweils nur für zwei Jahre gilt. Neben der kurzen Zeit birgt diese noch eine wichtige Auflage: Die betroffenen Ausländer müssen Arbeit und Wohnung nachweisen, damit sie nach zwei Jahren erneut die begehrten Stempel bekommen.
Erst nach acht Jahren mit Aufenthaltsbefugnis dürfen sie ständig in der Bundesrepublik bleiben, einzelne werden dann schon seit 18 Jahren in Dresden sein. Für die Betroffenen eine gefährliche Situation: Ihr Aufenthalt ist nur solange gesichert, bis ihnen etwas Unvorhergesehenes passiert - Arbeitslosigkeit, ein Unfall, lange Krankheit oder auch eine Schwangerschaft. Sobald sie keine Arbeit mehr haben oder diese nicht mehr ausüben können, wird die Aufenthaltsbefugnis nicht weiter verlängert. Eine zusätzliche Härte: Zwar zahlen die Ausländer seit Jahren ihre Steuern, sind aber von dauerhaften Sozialleistungen ausgeschlossen. "Ich habe da wirklich schon verzweifelte Menschen erlebt", so Beate Schütz.

Wer noch nicht unbefristet bleiben darf, lebt in ständiger Angst und Unsicherheit über sein weiteres Leben. Und zurück nach Mosambik, Angola oder Vietnam wollen die wenigsten: die Beziehung zum Heimatland ist nach so langer Abwesenheit bis auf den Kontakt zu Angehörigen verlorengegangen. Ein Argument gegen eine dauerhafte Aufnahme gibt es allerdings schließlich war zu DDRZeiten vorgesehen, daß die Arbeiter nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren. Gängige Praxis war jedoch, den Aufenthalt auf Wunsch unbefristet zu verlängern.

Diese Möglichkeit möchten die wenigen Übriggebliebenen natürlich auch jetzt noch für sich in Anspruch nehmen. Für Dresden schätzt man die Zahl der "übriggebliebenen" Vietnamesen, Mosambikaner und Angolaner auf etwa 800 die meisten sind ohnehin schon 1991 aufgrund fehlender Arbeit in ihre Heimat zurückgekehrt.

Nun aber scheint es zumindest etwas Hoffnung auf Klärung zu geben: Zur Zeit ist ein Gesetz auf dem Wege, das einen Teil der DDR-Zeit auf die achtjährige Wartezeit für die unbefristete Aufenthaltserlaubnis anrechnet. Vermutlich wird ein Gesetzentwurf Sachsens das Rennen machen, in dem die Hälfte des DDR-Aufenthalts mitzählt. Für Beate Schütz ein akzeptables Angebot, obwohl sie auch die hundertprozentige Anerkennung gerechtfertigt fände: Da der Staat sich offenbar entschlossen habe, die ehemaligen Werkvertragsarbeiter ohnehin irgendwann dauerhaft aufzunehmen, könne man das ebensogut auch sofort tun. Ist das Gesetz durch, dann hat das Bangen für Abia Jovo und die anderen ein paar Jahre eher ein Ende. Noch jedenfalls führen sie ein Leben auf Bewährung.

Christian Saadhoff

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 46. Jahrgangs (im Jahr 1996).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 22.12.1996

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