Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Erfurt

Schnell aus dem Bewußtsein verdrängt

Nacht der Wohnsitzlosen

Erfurt (ck) - Um auf die zunehmende Zahl Armer und Obdachloser in Deutschland aufmerksam zu machen, hatten Menschen ohne Obdach und Vertreter verschiedener Vereine in Erfurt kürzlich zu einer "Nacht der Wohnsitzlosen" aufgerufen. Die Schlafsäcke unter den weißen Zelten auf dem Erfurter Anger riefen bei den vorbeihastenden Bürgerinnen und Bürgern unterschiedliche Reaktionen hervor. "Plakativ" und "populistisch" befand ein gut betucht scheinender Herr die nächtliche Aktion der "Lobby für Wohnsitzlose"

Doch wer sich in den Städten umsieht, bemerkt, daß die Zahl der Wohnungs- oder gar Obdachlosen steigt. Zwar bieten die Städte wie etwa die thüringische Landeshauptstadt Notquartiere an, aber nicht jeder ist bereit, in einem Heim für Obdachlose zu übernachten

Karl-Heinz Kleiner von der Thüringer Lobby für Wohnsitzlose und Arme, der als Streetworker in der thüringischen Szene unterwegs ist, sagt: "Viele wollen nicht ins Heim, weil es dort öfters zu Diebstahl und Gewalt kommt." Stattdessen vegetierten sie dann lieber in Abbruchhäusern dahin und seien dann im Winter vom Kältetod bedroht. "Immer mehr Menschen kommen in Deutschland mit dem Hilfesystem nicht mehr klar", berichtet Rettungsassistent Peter Hoffmann vom Malteser-Hilfsdienst Erfurt am Info-Stand neben den Schlafplätzen

"Es ist ein schlechtes Zeugnis für unsere Gesellschaft, daß soviele nicht mehr klarkommen und an sich selbst zerbrechen", pflichtet eine ältere Dame betroffen bei und wirft etwas Geld in eine aufgestellte Sammelbüchse. Um so wichtiger sei es, daß es Menschen wie Schwester Karola-Maria Hikade vom Caritas-Tagestreff gebe, die sich vorurteilsfrei der sozial Schwachen und Obdachlosen annehmen

"Es sind oft keine Engel, die zu uns kommen", sagt Schwester Karola. Aber fast alle der Besucherinnen und Besucher des Caritas-Tagestreffs hätten früher Arbeit gehabt und in gesicherten und geordneten Verhältnissen gelebt. Vor Obdachlosigkeit sei keiner gefeit. Der Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Schulden, Räumungsklage, sozialem Absturz und Alkoholismus sei "bedrückend". Oft stehe eine Scheidung am Anfang des Weges in die soziale Not und zum Leben auf der Straße. "Viele sogenannte Normalbürger verdrängen dies", so die engagierte Franziskanerin. Ein großes Problem sei die Frauenobdachlosigkeit, die meist verdeckt bestehe. Schwester Karola-Maria: "Die Betroffenen kriechen irgendwo unter und zahlen häufig für das Dach über dem Kopf eine hohe Miete. Zu dem werden sie häufig geschlagen und mißbraucht.

Aufmerksam machen, sich solidarisieren mit denen, die aus dem Netz der sozialen Absicherung herausgefallen sind, darum ging es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der "Nacht der Wohnsitzlosen". Wer sich informieren wollte, konnte einiges vom Leben der Betroffenen erfahren. Denn diese waren recht zahlreich gekommen: Wie es sich mit 16 Mark am Tag lebt, von denen Essen, Übernachtung und sonstiger Lebensunterhalt zu bestreiten sind ... Wie es in den Obdachlosenheimen zugeht ... Wie wichtig es ist, Anlaufstellen wie den Caritas-Tagestreff zu haben und Menschen wie Schwester Karola-Maria zu kennen, die jeden als Mitmenschen akzeptieren, die dessen Sorgen und Not zu verstehen versuchen, auch wenn jemand am Rand der Gesellschaft lebt

Am Ende der Aktion etwas enttäuscht zeigte sich die Leiterin des Caritas-Tagestreffs für Obdachlose und sozial Schwache in Erfurt: "Es blieben nur wenige Menschen stehen, um sich zu informieren. Und auch von den Politikern hat sich kaum einer blicken lassen", sagte die Franziskanerin. Dabei werde die Misere täglich größer: "Scheidung und Mietschulden - und schon kann man draußen vor der Tür stehen", so die Leiterin des Caritas-Tagestreffs für Obdachlose und sozial Schwache

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 09.02.1997

Aktuelle Empfehlung

Der TAG DES HERRN als E-Paper - Jetzt entdecken!

Aktuelle Buchtipps