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Aus der Region

Differenzierend, gezielt, maßvoll

Interview mit Thomas Hoppe zu den Terroranschlägen von New York

Thomas Hoppe

Die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten stellen die politisch Verantwortlichen vor die Frage einer angemessenen Reaktion. Der Tag des Herrn fragte Thomas Hoppe, Professor für Katholische Theologie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, wie er militärische Reaktionen einschätzt und was jetzt auf der weltpolitischen Tagesordnung steht.

Herr Professor Hoppe, Kardinal Lehmann und Präses Kock haben in einer gemeinsamen Stellungnnahme die USA zu "entschlossenem, aber auch nüchternem Handeln" aufgerufen. Worauf kommt es jetzt an?
Entscheidend ist, dass die Entwicklung in den nächsten Tagen und Wochen kontrollierbar bleibt. Es darf nicht zu einer Eskalation der Gewaltbereitschaft kommen, gerade in politisch ohnehin instabilen Regionen. Auch die Sprache, in der heute angesichts der furchtbaren Ereignisse vielfach gesprochen wird, darf nicht zu Kriegsrhetorik werden. Denn Krisen, die im Grunde beherrschbar erscheinen, können durch unangemessene öffentliche Reaktionen außer Kontrolle geraten. Auch in der Arbeit der Medien muss da-rauf geachtet werden, solche Effekte zu verhindern.
Ist die so genannte zivilisierte Welt angesichts dieser Dimension des Terrors nicht sogar verpflichtet, dem mit militärischen Mitteln ein Ende zu bereiten?
Militärische Schritte müssen zurückhaltend und umsichtig erwogen und erörtert werden. Es geht ja keineswegs darum, möglichst rasch umfassende Gegenschläge durchzuführen. Viel wichtiger ist es, herauszufinden, woher die Angriffe tatsächlich kamen, auf welche Hintergrundstrukturen sich die Täter stützen konnten und wer sie unterstützte. Eine konzertierte Aktion zu wirksamer Bekämpfung des internationalen Terrorismus ist tatsächlich dringend notwendig - aber sie braucht eine differenzierende, gezielte, maßvolle Vorgehensweise. Auch Gegengewalt birgt stets ein hohes Eskalationsrisiko aufgrund der Eigendynamiken, die jede Gewaltanwendung mit sich bringt. Militärische Einsätze können zudem diejenigen zu neuen Terrorakten ermutigen, die schon bisher gewaltbereit waren, und ihnen weitere Sympathisanten zuführen.
Welche ethischen Prinzipien müssen beim Einsatz militärischer Mittel beachtet werden?
Rache darf keinesfalls das leitende Motiv sein. Ein Handeln aus dem Bedürfnis, zu vergelten, ist nicht nur moralisch abzulehnen, sondern dürfte zudem nur den schon eingetretenen Schaden noch vergrößern. Auch bei der Anwendung von Gegengewalt gilt die Verpflichtung, diese auf das zu wirksamer Verteidigung unverzichtbare Minimum zu begrenzen, vor allem zu verhindern, dass Menschen geschädigt oder getötet werden, die mit der Auseinandersetzung selbst nichts zu tun haben. Diese Anforderungen sind nicht Ausdruck einer christlichen Sondermoral, sondern grundlegende Normen des humanitären Völkerrechts, die für alle Seiten verbindlich sind.
Was steht jetzt - unabhängig von allen militärischen Aktionen - ganz oben auf der politischen Tagesordnung?
Erstens eine wesentlich entschlossenere internationale Bekämpfung nicht nur des Terrorismus selbst, sondern auch aller Formen von organisierter Kriminalität, zumal solcher, die mit Terrorismus in Verbindung stehen. Zweitens eine klare Botschaft des Westens an die islamische Welt, dass zwischen den religiösen, sozialen und politischen Überzeugungen der großen Mehrheit der Muslime einerseits und der Verzweckung des Islam durch politischen Fundamentalismus andererseits genau unterschieden wird. Die Terrorangriffe dürfen nicht dazu führen, dass Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten neue Nahrung erhalten. Wo immer solche Tendenzen im Windschatten der aktuellen Krise zunehmen, muss man ihnen entgegentreten - auch hier in Deutschland. Und niemand darf der Versuchung nachgeben, aus der Situation parteipolitisches Kapital zu schlagen.
Es herrsche im islamischen Bereich der Eindruck, dass der Westen über die Interessen der arabischen Welt hinweggeht, hat Hans Küng kürzlich gesagt. Die so genannte zivilisierte Welt des Westens lebt doch - zumindest teilweise - auf Kosten anderer Teile dieser Erde. Muss der Westen sich ändern?
Der Westen muss sich durchaus fragen lassen, wo er durch die praktisch betriebene Politik zu einer solchen Wahrnehmung in der übrigen Welt beiträgt. Wir erleben zum Beispiel gerade eine Phase, in der es manchem geradezu rückständig erscheint, wenn andere auf den zentralen Stellenwert sozialer Gerechtigkeit für die Legitimität einer politischen Ordnung hinweisen. Zugleich wissen wir, dass Terrorismus vielfach dort gedeiht und Nachahmer findet, wo Menschen massenhaft im Elend leben, sich entwurzelt fühlen, Perspektivlosigkeit hinsichtlich der künftigen sozialen und politischen Entwicklung empfinden. Auf die Lebensverhältnisse dieser Menschen wirkt die Politik der mächtigen Staaten dieser Erde täglich ein - dort bedarf es der Bereitschaft zu Kritik und Korrektur auch des eigenen Handelns, damit der Sumpf der Gewalt und des Terrors ausgetrocknet werden kann.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 38 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 20.09.2001

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