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Bistum Erfurt

820 000 waren live dabei

Männerwallfahrt zum Klüschen in der ARD

Der Marienwallfahrtsort Klüschen Hagis bei Wachstedt im Eichsfeld am Fest "Christi Himmelfahrt": 15 000 Männer aus dem Bistum Erfurt und von weiterher sind zur traditionellen Männerwallfahrt gekommen. Bereits vor 40 Jahren fanden sich die Männer des Eichsfeldes und des Bistums Erfurt zum ersten Mal zu einer Männerwallfahrt zusammen. Von den Gründungsvätern konnte sich aber sicherlich keiner vorstellen, daß die Wallfahrt 1997 bundesweit und "live" von einem wiedererstandenen, unabhängigen und freien Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) übertragen wurde. Die Botschaft der Wallfahrt "Die Erde gestalten - das Reich Gottes suchen" und die des Eichsfeldes als "gottbegnadete Region" gingen so in alle Bundesländer. Gut 820 000 Zuschauer haben laut ARD-Erhebung den Gottesdienst am Bildschirm verfolgt

Die Übertragung war ein voller Erfolg. Monsignore Eberhard Prause aus dem Bistum Dresden, Sendegebietsbeauftragter für den MDR, stellte nach der Wallfahrt erfreut fest: "Was ganz toll war, die ARD hat angerufen, wir können länger machen. Da müssen sie aber schon was Gutes hingelegt haben, wenn sie das aus Hamburg gesagt bekommen. Daß man nach hinten verlängern darf, das kriegen sie wirklich nur bei Qualität genehmigt.

Die Übertragung und die Predigt des Erfurter Bischofs Joachim Wanke hatten Qualität und riefen deshalb bei den Fernsehzuschauern ein überwältigendes Echo hervor. So klingelten die Service-Telefone pausenlos. Die Leitungen, die im Dorfgemeinschaftshaus in Wachstedt geschaltet waren, sollten nur bis 17 Uhr bedient werden. Wegen der Resonanz blieben sie bis 20 Uhr geschaltet und die ehrenamtlichen Gesprächspartner hatten reichlich zu tun. "Über 450 Anrufe wurden entgegengenommen", berichtete Rektor Georg Schuchardt aus Heiligenstadt, zuständig für die Erwachsenenseelsorge im Eichsfeld und die Wallfahrtsvorbereitung. Die hohe Zahl positiver Rückmeldungen, so Monsignore Prause, sei für eine kirchliche Sendung ausgesprochen groß. Auch im Ordinariat in Erfurt gingen bisher über 1000 Anfragen von Zuschauern nach der Predigt des Bischofs ein, so daß das Manuskript in großer Stückzahl nachgedruckt werden mußte. Vor diesem Erfolg waren allerdings intensive Vorarbeiten und eine generalstabsmäßige Planung nötig

Ein erstes Treffen hatte bereits im Februar in Heiligenstadt stattgefunden. MDR-Redaktionsleiter Bernhard Wiedemann und seine Mitarbeiter führten damals die ersten Gespräche. Das Projekt selbst war von der Kirchenredaktion des MDR in Leipzig bereits Anfang 1996 in die Jahresplanung aufgenommen worden

Die detaillierte Planung des Ablaufes war dann Aufgabe von Eckhard Grosch. Als Produktionsleiter ist er zuständig für die technisch-organisatorischen Abläufe wie die Besichtigung des Drehortes, Bestellung der Technik, die Festlegung der Probezeiten bis hin zur Bestellung von Hotels. Ebenso trägt er die Verantwortung für das Budget. Über die Kosten schweigt er sich aus. Sie blieben jedoch im Rahmen und seien nicht ver-gleichbar mit einer Unterhaltungsproduktion

Die Übertragungstechnik wurde von einer vom MDR angemieteten privaten Firma aus Köln sichergestellt. Bildingenieur Marc Petersen und zwölf Mitarbeiter waren zuständig für die Technik der Bildübertragung, die Bildqualität, Aussteuerung der Kameras, das Farbmagine... Kurz: Für den Weg der Bilder von der Kamera bis zum Verlassen des Übertragungswagens. Eine große Verantwortung, denn allein der Übertragungswagen hat einen Wert von etwa 12 Millionen Mark

Im technischen Bereich arbeitete ein Team von 45 Leuten. Dazu kamen die Mitarbeiter der Telekom, die einen Mastwagen mit einer 14 Meter Richtfunkantenne stellten. Für einfache technische Arbeiten waren ortsansässige Hilfskräfte engagiert worden

Während der Übertragung liefen die Bilder der sechs Kameras im Übertragungswagen, dem Herzstück, zusammen. Hier wurde die jeweilige Einstellung ausgewählt. Eine der Kameras war auf einem schwenkbaren acht Meter hohen Kran montiert, eine andere war eine freibewegliche Handkamera, die auf dem ganzen Gelände eingesetzt werden konnte. Diese sogenannte "Steady-cam" ist mit einem System ausgestattet, das die Bewegungen des Kameramanns ausgleicht

Ein großes Problem bei "Live"-Übertragungen ist die Zeitvorgabe, die wegen der sich anschließenden Sendungen natürlich eingehalten werden muß. Für die Übertragung des Wallfahrtsgottesdienstes waren exakt 89 Minuten vorgesehen. Deshalb durfte die Predigt von Bischof Wanke maximal 15 Minuten dauern. Eckhard Grosch erinnert sich noch daran, daß Bischof Nowak aus Magdeburg bei einer Übertragung 18 Minuten für seine Predigt brauchte. Diese sei zwar exzellent gewesen, aber bei der Kommunion hätte man dann nach zwei Minuten über Handzeichen abgebrochen

Bei der Übertragung der Männerwallfahrt blieb - dank der intensiven Vorproben - alles im vorgegebenen Zeitrahmen. Die Durchlaufproben begannen bereits am Morgen des Vortages mit der Einrichtung und Probe der Beschallung, Beleuchtung und der Aufzeichnung von Innenbildern aus der Wallfahrtskirche. Im Vorfeld wurde auch ein MAZ-Einspiel (Magnetische Aufzeichnung) aufgezeichnet, das während der Kommunionausteilung gesendet wurde. Ein weiteres MAZ-Einspiel von zwei Minuten wurde zu Beginn der Gottesdienstübertragung eingespielt. Es erläuterte den Zuschauern das Eichsfeld und gab eine kurze Erklärung zur Tradition der Wallfahrt. Beide Aufzeichnungen wurden von Monsignore Prause im Sendewagen mit Erklärungen unterlegt

Von 17 bis 18 Uhr am Vortag erfolgte ein kompletter Probedurchlauf mit einer Tonprobe mit dem Chor der Bergschule St. Elisabeth aus Heiligenstadt, der Blaskapelle Kefferhausen und dem Organisten Werner Weber aus Silberhausen. Von 18 bis 20 Uhr schloß sich ein Durchlauf mit fast allen Beteiligten des nächsten Tages an. Die Predigt des Bischofs, die von Rektor Schuchardt verlesen wurde, stellte sich bei der Probe als zwei Minuten zu kurz heraus. Der Bischof mußte sie deshalb noch in der Nacht überarbeiten und um zwei Minuten verlängern

Am Fest Christi Himmelfahrt, dem Sendetag, gab es um 8 Uhr nochmals eine Regiebesprechung, ab 9.20 Uhr war dann Sendebereitschaft hergestellt. Die Anspannung und große Erwartungsnervosität war allen Beteiligten anzumerken, denn noch war der Erfolg, den die Übertragung haben würde, nicht gewiß. Wie wird die Übertragung bei den Zuschauern ankommen? War die Auswahl des Drehortes Klüschen Hagis richtig? Wird es gelingen, die besondere Stimmung dieses Marienwallfahrtsortes in die Wohnstuben zu transportieren

Erschwerend kam hinzu, daß ein Fernsehzuschauer in seiner Leipziger Wohnung besonders fiebernd vor dem TV-Gerät saß. Der Redaktionsleiter der MDR-Kirchenredaktion, Bernhard Wiedemann, der seit zwei Jahren als Hauptverantwortlicher für die Übertragung die Vorplanungen und Vorbereitungen getroffen hatte, konnte wegen einer schweren Erkrankung nicht vor Ort dabei sein. Die ganze Last und Verantwortung ruhte nun auf seiner Stellvertreterin Susanne Sturm

Ab 9.30 Uhr war man dann auf Sendung - rien ne vas plus (Nichts geht mehr)! Die Übertragung lief mit der Präzision eines Uhrwerkes ab. Das Zusammenspiel zwischen Redaktionsstab, Technik, den Veranstaltern vor Ort und den Beteiligten war vorbildlich. Selbst Außenstehende merkten: Hier arbeiten Profis, die aufeinander eingespielt sind

Die Feuertaufe der MDR-Kirchenre-daktion für eine "Live"-Übertragung eines Gottesdienstes erfolgte 1992; ebenfalls am Himmelfahrtstag im Klüschen Hagis. Es folgten die Berichterstattung über den 92. Katholikentag in Dresden im Juni 1994 und die Übertragung des Gottesdienstes aus der Kreuzkirche in Dresden anläßlich der Wiederkehr von 50 Jahre Bombardierung Dresdens

Nach 89 Minuten konnte ein sichtlich erleichterter Monsignore Prause 46 Seiten abgelaufenen Drehbuchs beiseite legen und anerkennend feststellen: "Seit der ersten Übertragung eines Gottesdienstes für den MDR hat sich ein Team zusammengefunden, das ein hohes Maß an Professionalität und Einfühlungsvermögen in die Liturgie entwickelt hat, wie man es selten findet.

Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 25.05.1997

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