Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Görlitz

Viel Sympathie für Johannes Paul II.

Görlitzer beim Papstgottesdienst im Nachbarbistum

Liegnitz / Görlitz - Swetlana Scholte strahlt über das ganze Gesicht. Dabei ist sie schon um drei Uhr aufgestanden, hat einige Stunden lang Hitze, Durst und Gedränge ertragen und soeben eine Busfahrt über eine Autobahn aus den 30er Jahren hinter sich gebracht. "Es war wirklich schön", sagt sie über den Papstbesuch in Liegnitz. "Der Gottesdienst war ganz auf Wesentliches beschränkt, aufkeimende Euphorie wurde immer wieder in die richtigen Bahnen gelenkt", freut sie sich

Für die Russin, die seit einigen Jahren zur Görlitzer Heilig-Kreuz-Gemeinde gehört, war es keinesfalls die erste Begegnung mit Johannes Paul II. Ihre Ausrüstung verrät die erfahrene Papst-Pilgerin: Regenschirm und Sonnenhut, den sie zwischendurch freigiebig ausborgt, dazu ein kleiner Campingstuhl und natürlich etwas Proviant

Den meisten anderen Görlitzern, die mit ihr auf dem ehemaligen russischen Militärflughafen in Liegnitz zwischen Mädchen in feinen Erstkommunionkleidern, Soldaten in Uniform, alten Frauen mit Kopftuch und vielen Jugendlichen im Block C2 Platz gefunden hatten, hatte sie noch etwas anderes voraus: Dank ihrer ukrainischen Sprachkenntnisse verstand sie das meiste, was auf polnisch durch die Lautsprecher über den weiten Platz hallte. Ihre Nachbarn profitierten nicht erst bei der Papstpredigt davon, in der Johannes Paul II. die Katholiken zu mehr gesellschaftlichem Engagement und den Staat zu mehr sozialem Engagement aufrief

Bereits zweieinhalb Stunden vor dem erwarteten Eintreffen des Papstes standen 300 000 Pilger dichtgedrängt auf dem Flugfeld, während Sinphonieorchester, Kirchenchöre und Jugendbands von einer riesigen Chortribüne auf die Eucharistiefeier einstimmten

Auf der Altarinsel daneben, die mit einer originalgetreuen Miniaturausgabe der Liegnitzer Kathedralinsel und mit einer Heilig-Geist-Darstellung verziert war, zogen nach und nach Bischöfe aus Polen und den Nachbarländern aus. Görlitzer Fernrohrbesitzer in der Umgebung von Swetlana Scholte beschäftigten sich einige Zeitlang vergeblich damit, unter ihnen zweifelsfrei den Görlitzer Bischof Rudolf Müller und Altbischof Bernhard Huhn auszumachen. Dann richteten sich die Fernrohre zum Himmel

"Jetzt soll der Papsthubschrauber kommen, im vierten Hubschrauber sitzt Johannes Paul II.", übersetzte die Russin. Nachdem unter Glockengeläut bereits acht Hubschrauber am Himmel erschienen und gelandet waren, darunter auch mehrere weiße, war der Moderator und offensichtlich auch die Menge etwas ratlos und zog es vor, Jubel und Fähnchenschwenken bis auf weiteres zu dämpfen. "Der Papst ist eben immer für eine Überraschung gut", schmunzelte Frau Scholte. Sie empfindet große Sympathie für den polnischen Papst, ebenso wie die anderen Wallfahrer aus Görlitz und umliegenden Städten, die mit ihr um vier Uhr früh in Zgorzelec in den Bus gestiegen waren

Eine besondere Intensität bekam die Begegnung mit Johannes Paul II. für viele durch die immer wieder geäußerte Vermutung, es werde wohl sein letzter Besuch in seiner polnischen Heimat sein. Selbst bei der Tontechnikerin des mitgereisten MDR-Fernsehteams scheint bei der Liegnitzer Feier ein Funke übergesprungen zu sein. "Es hat mir sehr gefallen. War schön, mal so etwas zu erleben", sagte sie ihren Nachbarn auf der Bus-Rückbank. Dorothee Wanzek

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.06.1997

Aktuelle Empfehlung

Der TAG DES HERRN als E-Paper - Jetzt entdecken!

Aktuelle Buchtipps