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Aus der Region

Den ersten beißen die Hunde

Christen und Menschen anderer Überzeugung im Dialog

Erfurt - "Den ersten beißen die Hunde." Mit diesem abgewandelten Sprichwort und einem Zitat aus dem Tagebuch des italienischen Schriftstellers Igino Giordani: "Der Sonnenuntergang ist für die Dichter die Stunde der Gelassenheit" begann der Schriftsteller Werner Heiduczek sein Referat und eröffnete damit einen Tag des Dialogs zwischen Christen und Menschen anderer Weltanschauungen. Veranstaltet von der Fokolarbewegung trafen sich am 6. September 50 Interessierte in den Räumen des Philosophisch-Theologischen Studiums in Erfurt unter dem Motto "Unterwegs im Dialog"

Den Gedanken, eine geeinte und friedvollere Welt aufzubauen, teilen Menschen aller Konfessionen, Religionen und anderer Einstellungen zu Leben und Existenz. Auch Werner Heidu-czek, der vielen vor allem durch seine Kinderbücher bekannt ist ("Der kleine häßliche Vogel", "Das verschenkte Weinen"), hat diesen Dialog gesucht. Im oberschlesischen Hindenburg geboren, wandte er der Institution Kirche den Rücken, machte in der DDR eine wechselvolle Karriere, die ihm als Schriftsteller dann auch eine gewisse "Narrenfreiheit" bot. Darauf angesprochen: "Der menschliche Charakter hält auf die Dauer den Erfolg nicht aus." In schwierigen Zeiten bewies er Courage, um seine Selbstachtung nicht zu verlieren und "qualifizierte" sich vom Ministerialdirektor im Schulwesen zum Hochofenarbeiter

Mit seinen Worten zu Beginn der Tagung sprach er allen nichtchristlichen Teilnehmern aus dem Herzen. 80 Prozent unserer Mitmenschen haben keinen Bezug zur Kirche mehr oder sind dem Glauben gegenüber gleichgültig. Dabei haben sie andere Maßstäbe, entscheiden nach ihrem Gewissen und teilen doch in allem unseren Alltag. Sie erleben wie wir "die Häutungen des eigenen Ichs", so Heiduczek. Sie erfahren "Brüche und Aufbrüche", wie es der Ko-Referent Dr. Helmut Rothmann, Dresden, aus seinem Leben berichtete, das ohne religiöses Bekenntnis begann und nach vielem inneren Kampf seine Heimat in der katholischen Kirche fand. "Die Hölle - das ist der andere", so hatte Jean Paul-Sartre formuliert. Dr. Rothmann stellte dagegen: "Der Himmel - das ist der andere", und mit diesem Vorschuß an Zuwendung und Vertrauen ist ein Dialog möglich, der nach dem fragt, was gut ist für den anderen, weil es dann auch gut ist für mich

Nein, es wird nicht schnell gehen, daß Christen und Nichtchristen eine gemeinsame Sprache oder gar die Einheit finden, meint Werner Heiduczek, doch gibt es einen Weg dahin: die absichtslose Liebe. "Wenn ich merke, daß einer was von mir will, da sperre ich mich sofort. Nur der absichtslosen Liebe kann es gelingen, uns zueinander zu führen." Heiduczek: "Seien Sie doch nicht so ungeduldig. Die Erde soll noch sieben Milliarden Jahre existieren, da sollte man diese Dinge nicht über's Knie brechen."..

Zum nachmittäglichen Plenum kam auch Bischof Joachim Wanke, der schon an der ersten Begegnung dieser Art vor einem Jahr großes Interesse gezeigt hatte. Die Gesprächsleiter der Arbeitsgruppen, die sich zwischen den zum Teil heißen Diskussionen mit ihren Teilnehmern gemeinsam gestärkt hatten, zogen Resümee. Den Anfang machte der Kreis "Erziehung und Schule": Wertevermittlung ist Anliegen auch nichtchristlicher Lehrer, und viele dieser Werte sind uns gemeinsam, hieß es. Der Kreis "Familie" trug das zusammen, was eine Familie oder Ehe auf Dauer zusammenschweißen sollte: "die Andersartigkeit des anderen zu akzeptieren". Helfen können wir uns nur dort, wo wir Probleme mitteilen und uns offenbaren. Die Ehe bleibt "ein langes Gespräch". Bei öffentlicher Kommunikation und bei der Zusammenarbeit mit den Medien gilt es aktiv zu werden, so die einhellige Meinung dieser Gruppe. Sich nicht von den Medien blenden lassen, sondern die Medien nutzen und benutzen. Auch für Christen könnte es hilfreich sein, Sprache und Ausdrucksformen von Freunden oder Außenstehenden im Dialog "gegenlesen" zu lassen, vielleicht wird dadurch besser bewußt, warum man Christen so oft nicht versteht und Argumente im Sande verlaufen. Auch auf den Gebieten Arbeit und Geld, Gesundheit und Krankheit waren Gemeinsamkeiten in der Verständigung offensichtlich. Ein Psychiater aus Leipzig, der keiner Kirche angehört, wird von seinen Patienten liebevoll "Papa Weise" genannt, weil er auch dem "Letzten" der Gesellschaft nicht seine Würde als Mensch abspricht. Der Arbeitskreis "Kultur, Kunst und Literatur" will sich wieder treffen und konkret miteinander arbeiten, was damit stellvertretend für alle gilt. Es muß zu einem "Dialog des Lebens und des Herzens" kommen, denn Reflexion ist wichtig, doch gilt, wie Werner Heiduczek formulierte: "Ein Geist ohne Herz ist ein einsamer Glasperlenspieler, aber ein Herz ohne Geist verliert sich in Tumbheit'.

Die Erfurter Begegnung bleibt ein Anfang, eine Herausforderung. Denjenigen, der sich auf dieses Abenteuer einläßt, "beißen sicher auch ab und an die Hunde", vielleicht aber mit dem Erfolg einer größeren Wachsamkeit für die Zeichen der Zeit

A. Martin / Th. Tominski

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 38 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 21.09.1997

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