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Bistum Erfurt

Den Islam zur einheimischen Religion machen

"Woche des ausländischen Mitbürgers" in Thüringen

Jena / Erfurt (mh) - Mit einer Reihe von Veranstaltungen ist in Thüringen die "Woche des ausländischen Mitbürgers" begangen worden. Im Mittelpunkt der Woche unter dem Thema "Offen für Europa - offen für andere" stand in Thüringen der Islam

Der Ausländerbeauftragte der Thüringer Landesregierung, Eckehard Peters, begründete das Schwerpunktthema bei der Auftaktveranstaltung - zu deren Mitveranstaltern gehörte auch das Katholische Forum im Land Thüringen - in Jena so: "Das Thema Islam und Deutschland und darüber hinaus Islam und Europa liegt in der Luft. Dafür mag der Islamismus verantwortlich sein, jenes Zerrbild des Islam, das in vielen Ländern so unerfreulich von sich reden macht. Dafür mag aber auch eine selbstbewußte islamische Migrantengeneration in Deutschland verantwortlich sein, die sich nicht in den Hinterhof der Gesellschaft abdrängen lassen will und die eine Trennung von religiösem und öffentlichem Leben als Zumutung empfindet.

Auf beides ging der Direktor des Deutschen Orient-Institutes in Hamburg, Udo Steinbach, in seinem Referat ein. Beides verursache bei der deutschen Bevölkerung eine Irritation, die nicht unterschätzt werden dürfe. Die Gesellschaft stehe vor einer neuen Ära. Die drei Millionen Muslime in Deutschland seien nicht mehr wegzudenken und sie würden Deutschland - abgesehen von den Kriegsflüchtlingen aus Bosnien - wohl auch nicht mehr verlassen. "Das Gefühl besteht zu recht, daß das christliche Abendland zu Ende gekommen ist.

Vor diesem Hintergrund stellte Steinbach die Frage, wie das Fremde zum Eigenen gemacht werden könne: "Wie macht man aus einer Moschee einen Bestandteil europäischer Kultur?

Die Herausforderung gehe aber auch an die andere Seite: "Wie bürgere ich mich als Fremder in eine neue Heimat ein?" Der Islam müsse zu einer einheimischen Religion gemacht werden und es müsse der deutsche Staatsbürger islamischer Religion geschaffen werden. Steinbach: "Das Ghetto muß verhindert werden!" Wenn vor allem junge, in Deutschland geborene Muslime an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, führe das schließlich zum Extremismus. Steinbach kritisierte, daß der Islam in der Öffentlichkeit häufig nur unter dem Kennzeichen des islamischen Fundamentalismus wahrgenommen werde

Zugleich verwies Steinbach auf eine Reihe von Problemen, zu deren Lösung die Muslime selbst beitragen müssen: "Der Islam fühlt sich als im Besitz der wahren Religion." Er sei eine "unerhört sichtbare Religion". Und: "Ein Muslime kann seinen Glauben nicht von der Gesellschaft trennen". Das führe vor allem bei der Frage des islamischen Gesetzes zu Schwierigkeiten. Hierzu gebe es aber innerhalb des Islam schon eine 1000jährige Diskussion. Für die Integration eingewanderter Muslime kämen als weitere Probleme ihre zahlreichen Verbindungen in die Heimat hinzu. In Deutschland werden zwischen 3000 und 5000 entsprechender Vereine geschätzt. Außerdem sei der Islam keine Kirche, mit einem verbindlichen Ansprechpartner. Trotzdem zeigte er sich optimistisch, denn der Islam sei eine "ungeheuer dynamische Religion"

Die in Deutschland garantierte Religionsfreiheit allein reiche nicht aus: Mit Blick auf den Islam und seine gesellschaftliche Dimension fragte Steinbach: "Wie weit reicht die Religionsfreiheit, ohne daß wir grundlegende Dinge unserer Gesellschaft aufgeben?" Die deutsche Seite könne zwar Rahmenbedingungen schaffen. "Einen europäischen Islam kann aber nur der Islam selber schaffen." Notwendig sei dafür beispielsweise ein Lehrstuhl für islamische Theologie in Deutschland. Außerdem könnten Moscheen in Deutschland eine Manifestation der Integration sein. "Es sollten aber Moscheen sein, die so offen sind wie Kirchen!" Steinbach forderte, über diese Fragen einen Dialog "ohne Blauäugigkeit" und mit "großer Offenheit" zu führen. Auch die islamische Seite müsse sich unzweideutig für die Integration aussprechen

In Thüringen sei das Zusammenleben von deutschen und Ausländern in den letzten Monaten "mehr und mehr zur Normalität geworden", schätzt Ausländerbeauftragter Eckehard Peters ein. Als Beispiel nannte er: Jena und Erfurt hätten funktionierende Ausländerbeiräte, die Interessenvertretung der Ausländer auf Landesebene stehe in regelmäßigem Kontakt zu Abgeordneten und der Landesregierung. Zahlreiche Gruppen und Vereine kümmerten sich um Ausländer und pflegten "interkulturelle Beziehungen"

In Rahmen der Woche gab es noch knapp 20 weitere Veranstaltungen zum Thema Islam

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 12.10.1997

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