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Bistum Erfurt

Erinnern heißt Hoffen

Sühnewallfahrt zum KZ Buchenwald

Buchenwald (fun) - "Erinnern heißt hoffen..." hieß das Motto der Sühnewallfahrt zum Konzentrationslager Buchenwald am 12. Oktober, zu der über 100 Jugendliche aus der Diözese Erfurt zusammenkamen. Alle zwei Jahre treffen sich junge Leute, um der Opfer des KZ's zu gedenken

Das Lied, das die Jugendlichen hören, macht nachdenklich. Es handelt von einen Mann, der Melodien sammelt, um die Zeit im Konzentrationslager zu überstehen. Vor ein paar Wochen hat er seinen Sohn verloren. Er selbst kämpft weiterhin jeden Tag um sein Überleben. Sein Lebenselexier findet er im Sammeln der Lieder. Als er Jahre später die Zeit im KZ überlebt hat, sind in seinem Gedächtnis über 7000 Melodien für immer gespeichert

Der Kassettenrecorder, aus dem dieses Lied mit seiner traurigen Melodie kommt, steht auf harten, kantigen Steinen. Wo einstmals die Baracken von Buchenwald standen, bedecken heute solche das Gelände

Mehr als 30 000 Menschen fanden hier vor mehr als 50 Jahren den Tod. Heute, am 12. Oktober 1997, stehen auf diesen Steinen mehr als 100 Jugendliche aus dem Bistum Erfurt. Betroffen hören sie das von Gerhard Schöne geschriebene Lied, um sich an das zu erinnern, was sich hier zwischen 1937 und 1945/47 abspielte: Um nicht zu vergessen, was geschehen ist und um der Opfer des KZ's zu gedenken

"Es ist wichtig, daß sich Jugendliche mit diesem Thema beschäftigen. Wir haben diese Zeit zwar nicht miterlebt, können aber trotzdem aus den Fehlern der vergangenen Generation lernen", sagt die 16jährige Kathrin zu ihrer Entscheidung, sich an der Sühnewallfahrt zu beteiligen

Appellplatz, Jüdisches Mahnmal - das an die ehemalige jüdische Baracke erinnert -, Genickschußanlage, Stacheldraht und Einzelhaftbunker heißen die Wegstationen der Jugendlichen auf dem Gelände des ehemaligen KZ's. Die jungen Teilnehmer verteilen sich auf kleine Gruppen und halten an jeder Station inne, um zu beten und zu singen. Sie erinnern sich an das Schicksal von Edith Stein, die am heutigen Tag vor 106 Jahren geboren wurde und an den evangelischen Pfarrer Paul Schneider, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre

"Für mich war es wichtig, hier mitzumachen. Denn wenn man sich nicht damit beschäftigt, kann ein völlig falsches Bild entstehen - das sieht man ja an den vielen Rechtsradikalen", erklärt der 17jährige Oliver und geht durch das Tor, in das die Worte "Jedem das Seine" in Eisen geformt sind, um zur letzten Station - dem Einzelhaftbunker- zu kommen

In diesem Gebäude führt ein langer schmaler Gang an winzigen Zellen vorbei, die die Jugendlichen durch geöffnete Eisenklappen sehen können. Die Räume waren für viele die letzte Station ihres Lebens. Am Ende dieses dunklen Gangs angelangt, erinnern sich die jungen Leute an Dietrich Bonhoeffer, der für kurze Zeit hier in Buchenwald war und kurz vor Kriegsende im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde

Nach dem Rundgang auf dem KZ-Gelände machen sich die Jugendlichen zu einem zirka acht Kilometer langen Sühnegang nach Weimar-Schöndorf auf den Weg. Dort werden sie in der Bonifatiuskirche mit einem Gottesdienst die diesjährige Sühnewallfahrt beenden

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 19.10.1997

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