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Bistum Dresden-Meißen

Böhmische Wurzeln

Altkatholische Gemeinde Dresden ist 75

Dresden - Kürzlich konnte die kleine altkatholische Gemeinde von Dresden den 70. Jahrestag ihrer Gründung begehen. Mit 70 Jahren ist die Dresdner Altkatholiken-Gemeinde noch relativ jung; andere Gemeinden dieser Konfession können schon ein Alter von 100 oder 125 Jahren aufweisen

Ausgelöst wurde die altkatholische Bewegung durch einen Beschluß des Ersten Vatikanischen Konzils, das 1869/70 in Rom tagte. Nach heftigen Diskussionen stimmten am 18. Juli 1870 533 der 1037 Konzilsväter für die Dogmen über den Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit des Papstes. Schon bald regte sich dagegen Widerstand bei Theologen in Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz. Was zunächst nur als innerkirchlicher Protest gegen die "neuen" Dogmen gedacht war, führte zur Konstituierung einer selbständigen "altkatholischen" Kirche. So entstand 1874 ein altkatholisches Bistum für Deutschland mit dem Sitz in Bonn

Im Königreich Sachsen stieß diese Entwicklung nur auf geringe Resonanz. Die evangelische Bevölkerungsmehrheit interessierte sich nicht dafür, und die 73 000 Katholiken, die hier 1875 lebten, blieben ihrer Kirche treu. Der Altkatholizismus fand nur wenige Anhänger. Zu ihnen gehörte Therese von Miltitz, eine Hofdame der Königin Amalia. Nach dem Tod der Königin ging sie nach Bonn, wo sie von 1885 bis 1895 das "Alt-Katholische Frauenblatt" herausgab. In Sachsen sollten noch viele Jahre vergehen, bis erstmals ein altkatholischer Gottesdienst gehalten wurde: dies geschah erst am Ostermontag 1908 in Leipzig

Für die Entstehung der Dresdner Gemeinde war es von besonderer Bedeutung, daß sich der Altkatholizismus stark im nördlichen Böhmen etablieren konnte. Die unmittelbar an Sachsen angrenzende Kleinstadt Warnsdorf wurde 1896 Bischofssitz für Österreich und nach 1918 für die Tschechoslowakei. 1930 gehörten 16 Prozent der 23000 Einwohner von Warnsdorf der Altkatholischen Kirche an. Große Pfarreien bestanden außerdem in Schönlinde, Gablonz und Dessendorf im Isergebirge

Ingenieure und Techniker, die aus Böhmen nach Sachsen gekommen waren, gründeten 1927 die altkatholische Gemeinde von Dresden. 1935 zählte die kleine Gemeinde 49 Mitglieder - 46 Erwachsene und drei Kinder. Geleitet wurde sie zu dieser Zeit von Franz Lehnert, einem Ingenieur, der aus Komotau stammte und Besitzer einer Straßenbaufirma war. Als Gottesdienststätte konnte bis 1945 die Ehrlichsche Gestiftskirche genutzt werden, ein stattlicher Neorenaissancebau in der Dresdner Innenstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es zu grundlegenden Veränderungen kommen. Unter den 800 000 vertriebenen Sudetendeutschen, die in die sowjetische Besatzungszone strömten, befanden sich etwa 5000 bis 6000 Altkatholiken. Dazu kamen noch altkatholische Flüchtlinge und Vertriebene aus Schlesien. Von Bonn aus wurde ein "Alt-Katholisches Pfarramt für Sachsen und Thüringen" mit Sitz in Leipzig errichtet

In Dresden stieg die Zahl der Gemeindemitglieder auf über 100 an. Davon besuchte die Hälfte die Gottesdienste, zu denen man sich in verschiedenen evangelischen Kirchen traf. Bis Ende der 60er Jahre unterstand die Dresdner Gemeinde dem Leipziger Pfarramt, dann wurde hier eine eigenständige Pfarrei errichtet

Auf Grund von staatlichen Forderungen schlossen sich 1970 die Pfarreien Berlin, Dresden, Leipzig und Blankenburg im Harz zu einem Gemeindeverband zusammen. Nach der deutschen Wiedervereinigung konstituierte sich ein Gemeindeverband für Sachsen, dieser umfaßte die Pfarreien Dresden und Leipzig mit ihren sächsischen und ostthüringischem Filialgemeinden. Seit April 1997 betreut ein "Pfarramt Sachsen" die altkatholischen Gläubigen. Sitz des Pfarrers ist Großschönau in der Oberlausitz - ein Ort, von dem aus man den Turm der alten Warnsdorfer Kathedrale sehen kann. In Großschönau leben etwa 100 Altkatholiken; die Dresdner Gemeinde zählt nur noch 30 Mitglieder. Peter Bien

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 14.12.1997

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