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Der alte und der neue Mensch

Eine weihnachtliche Bildbetrachtung

Liebe Lesergemeinde !
Wer die historische Altstadt von Görlitz besucht, entdeckt unter den prächtigen Renaissancehäusern nicht weit vom Untermarkt eine besondere Kostbarkeit. Man nennt das Gebäude das Biblische Haus";.
Seine reich gestaltete Fassade zeigt auf zwei querverlaufenden Relief-Bändern Szenen aus der Heilsgeschichte. Nach damaligem Brauch sind den Bildern aus dem Alten Testament auf dem unteren Reliefband die dazugehörenden Bilder aus dem Neuen Bund auf dem oberen Band gegenübergestellt. So kann man den tieferen Sinngehalt, der jeweils zwei Szenen miteinander verbindet, unschwer erkennen. Zu meiner weihnachtlichen Bildbetrachtung wähle ich die beiden Darstellungen vom Sündenfall und der Geburt Jesu.
Die Abbildung von Adam und Eva unter dem Paradiesesbaum ist beeindruckend gestaltet. Die reich behangenen Zweige betonen das Verführerische dieser Szene: Wenn ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf, und ihr werdet sein wie Gott!"; So nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß."; Warum dieser Ungehorsam gegenüber dem allgütigen Gott, warum das Verbotene wählen? Die Sünde ist ein Geheimnis, sie hat verschiedene Quellen. Die gefährlichste ist der Hochmut: sein wie Gott";, nach eigenen Gesetzen herrschen wollen, dabei die Schöpfungsordnung rücksichtslos über den Haufen werfen. Haben wir nicht solche Götter"; in diesem Jahrhundert erlebt? Lobet den Menschen, den mächtigen Herrn dieser Erde!";, so hat es einmal hochmütig ein DDR-Dichter formuliert.
Wundern wir uns nicht, wenn es auch heute - im Großen wie im Kleinen - solchen gefährlichen Eigenstolz gibt. Die Versuchung zur Macht ist das Charakteristikum des alten Menschen";, der von Gott nichts wissen will und dabei die Welt zerstört. Das erste Menschenpaar muß aus dem Paradiesesgarten. Mühsal und Not erwartet beide und zuletzt der Tod. Rechts im Bildhintergrund zückt der Engel das Schwert gegen sie und treibt sie aus dem Tor. Doch es wächst in der Menschheitsgeschichte die Sehnsucht, sich von diesen Mächten zu befreien und in Frieden und Gerechtigkeit zu leben. Da sich aber der Mensch nicht selbst aus der Schuld retten kann, wäre unsere Lage heillos, hätte sich Gott uns nicht in seiner Barmherzigkeit zugewandt. Welt ging verloren, Christ ist geboren."; Das ist die Rettung!
Die Weihnachtsszene auf dem neutestamentlichen Reliefband zeigt es an. Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf seinen Schultern ruht die Weltherrschaft."; Darum versetzt der Künstler die Geburtsszene gebührenderweise in ein schloßähnliches Gebäude. Maria und Josef knien voll Ehrfurcht vor dem Gotteskind, dem Sohn des Allerhöchsten";. Mit ihm ist der neue Mensch"; geboren, dessen Devise lautet: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade."; Was werden die Leute in der Welt zu diesem Kinde sagen? Werden sie es als ihren Retter anerkennen? Seine Macht ist die Liebe, seine Speise ist die Erfüllung des Willens Gottes. Diesen Herrscher erkennt sogar die vernunftlose Schöpfung.
Der Künstler hat es sehr deutlich dargestellt: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn."; Doch Menschen sind kaum zu sehen, das heilige Paar und auf der rechten Seite zwei heranstürmende Hirten, denen große Freude verkündet wird. Das erinnert mich an die kleine Schar der Getreuen in unseren Gemeinden, denen das tröstende Herrenwort gilt: Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat Gott gefallen, euch das Reich zu geben."; Es ist das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, in das wir gerufen sind.
Ich wünsche allen zum Christfest die Freude und den Trost, im Reiche Gottes als "neue Menschen"; zu leben, im Dienst für Gott und den Nächsten.
Bischof Rudolf Müller

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 21.12.1997

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