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Aus der Region

Gegen verblassende Erinnerungen

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - Alojs Andricki

Dresden - Alojs Andricki war erst 28 Jahre alt, als er am 2. Februar 1943 im Konzentrationslager Dachau mit der Giftspritze hingerichtet wurde. Der sorbische Kaplan an der Dresdner Hofkirche sorgte für die Kapellknaben und war Präses der Dresdner Kolpingfamilie. Sein einziges "Verbrechen": Er war Sorbe und ein tiefgläubiger Christ, der sich standhaft auch zur Zeit des Nationalsozialismus nicht von seinem Weg abbringen ließ

Zumindest die Sorben haben sein Andenken bis heute bewahrt: Bereits seit 1946 gibt es in seiner Heimatstadt Radibor eine Gedenktafel; eine Biographie erschien und der Lebensweg ist Thema an vielen Schulen. Die einzige sorbische Kindertagesstätte, eine Pfadfindergruppe und mehrere Straßen tragen heute den Namen Andrickis

Beim bundesweiten Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus erwies man ihm in diesem Jahr die Ehre, in Dresden stellvertretend für alle Opfer gewürdigt zu werden. Pfarrer Stephan Delan aus Radibor erinnert bei der Kranzniederlegung im Ehrenhof der Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden an den Lebensweg des Kaplans und berichtete vom vielfältigen Gedenken der Sorben

So fuhren 1993 zum 50. Todestag Andrickis über 130 sorbische Pilger zu einer heiligen Messe ins ehemalige KZ Dachau, zur Zeit wird die Seligsprechung des Kaplans vorbereitet. "Noch im KZ stöhnte er nicht, sondern war fröhlich und aktiv", erzählte Delan von den Erfahrungen überlebender KZ-Insassen mit Andricki. Selbst im Angesicht des Todes ließ sich der junge Christ nicht entmutigen und gab auf diese Weise noch anderen Hoffnung. Der sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Hans Joachim Meyer, setzte durch seine Anwesenheit bei der Kranzniederlegung ein wichtiges Zeichen für die Anteilnahme des Staates. In seiner Rede beklagte er die zunehmende Gleichgültigkeit der Menschen: "Wir erleben in unseren Tagen, daß die Erinnerung verblaßt, ja daß die Geschichte verleugnet wird." Daher dürfte man nicht nur den Opfern gedenken, sondern müsse auch öffentlich die "Entschlossenheit verkünden, derartiges künftig zu verhindern", so Meyer

Wer glaube, sich in seinem Handeln auf etwas vermeintlich Höheres berufen zu können, mißachte die Rechte der anderen. "Die Einsicht aus dem Erlebnis des Nationalsozialismus ist deshalb: Die Würde des Menschen kann durch keine Ideologie eingeschränkt werden. Wann immer in der Geschichte die Menschenwürde auch nur einiger bedroht wurde, war das ein Verhängnis für die ganze Gesellschaft." An die unbegreifliche Faszination, die der Nationalsozialismus auch auf eine große Zahl Christen ausübte, erinnerte Pfarrer Hilmar Günther, Vorsitzender des Münchner -Platz-Komitees. "Einige haben sich angepaßt und angeboten, wollten ein deutsches Christentum." Dem Kaplan Andricki gedenke man heute "in dem Wissen, daß nicht alle Christen in dieser Zeit so ihren Weg gegangen sind", so Günther. Die Kirchen hätten für ihre Selbsterhaltung gekämpft und nur dort Widerstand geleistet, wo sie selbst betroffen waren. Sogar nach den Novemberpogromen habe es ein "angstvolles Schweigen" der Kirche gegeben. Der Pfarrer wies auf den fundamentalen Unterschied zum heutigen politischen System hin und forderte, bei aller Kritik an einzelnen Politikbereichen müsse man sich dennoch gemeinsam finden in der Verteidigung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates. Chr. Saadhoff

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.02.1998

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