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Aus der Region

Kontakte zur armenischen Kirche

Im Aufbau

Schon als 14jähriger war Klaus Schoenebeck fasziniert von der reichen, orientalischen Kultur des ältesten christlichen Volkes, das im Laufe seiner Geschichte fast immer in schwerer Bedrängnis gelebt hat. Damals hatte der heutige Rektor des Halleschen St.-Elisabeth-Krankenhauses Franz Werfels Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh" gelesen.

Schoenebeck, der sich seit einiger Zeit für den Ausbau von Kontakten zwischen altorientalischen und katholischen Christen einsetzt, hatte als Jugendlicher eine halbjüdische Freundin. In Werfels Roman entdeckte er Parallelen zwischen Armeniern und Juden: Beide Völker haben ihre kulturelle Identität bewahrt, auch als sie verfolgt wurden, in aller Welt verstreut lebten und sogar als sie Opfer eines Genozids wurden.

Jahre später lernte Klaus Schoenebeck bei einem Fest im oberschlesischen Gleiwitz erstmals Armenier kennen. Sie gehörten zu einer armenisch-katholischen Gemeinde des Erzbistums Lemberg, das im 17. Jahrhundert entstanden ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie von Lemberg nach Oberschlesien vertrieben worden. Seit Jahrhunderten lebten die Familien nicht mehr in ihrer tausende Kilometer entfernten Heimat, und doch trugen sie am Festtag farbenfrohe armenische Trachten: Die Faszination der Werfel-Lektüre wurde wieder lebendig für den jungen Mann aus der Altmark.


Ähnliches erlebte er 1988, mittlerweile zum Priester geweiht, als er bei einer Wienreise ein armenisch-katholisches Benediktinerkloster (sogenannte Mechitharisten) besuchte, das gleichzeitig Zentrum armenischer Kultur war. Eine sehr umfangreiche Sammlung armenischer Kunst und Literatur war dort unter anderem ausgestellt. In der Sowjetunion gehörten Armenier zu den führenden Kulturschaffenden und Wissenschaftlern. Schon im Jugendalter seien sie stolz auf ihre Geschichte und ihre Kultur und pflegten sie.

"Völker, die so lange Zeit in Bedrängnis leben, entwickeln offenbar eine ganz besondere Kreativität", glaubt Klaus Schoenebeck. In der armenischen Literatur schwinge meist eine gewisse Schwermut mit; die Last der Erinnerung an den Mord an hunderttausenden Landsleuten zu Beginn des Jahrhunderts sei spürbar. Gleichzeitig strahlten die Armenier aber auch großen Optimismus aus, ohne den das Volk vielleicht gar nicht hätte überleben können.

Während eines zweiten Besuchs bei den Mechitharisten in Wien im Jahr 1993 wurde der ostdeutsche Priester zur Weihe eines neuen Abtes eingeladen. Die glanzvolle, von orientalischen Einflüssen geprägte Liturgie kam bei diesem Festgottesdienst besonders eindrucksvoll zur Geltung.

Vor anderthalb Jahren unternahm Klaus Schoenebeck gemeinsam mit dem Hettstedter Theologiestudenten Stefan Hansch eine vierwöchige Rundreise durch Armenien und knüpften dort Kontakte zur armenischen Kirche.


Obwohl durch lange Krankheit eingeschränkt, organisierte der Hallesche Krankenhaus-Rektor nach der Rückkehr Hilfen für die wiedergegründete theologische Fakultät der armenisch-apostolischen Kirche in der Hauptstadt Jerewan. Nach 70jähriger Unterbrechung hat der Alterzbischof von Jerusalem die Fakultät neu aufgebaut und ist jetzt dort Dekan.

Klaus Schoenebeck und Stefan Hansch hatten an der Einweihung teilgenommen. Ihnen war aufgefallen, daß die Studenten sich mit sehr großer Motivation für ihre Fakultät einsetzten, obwohl ihnen nur äußerst einfache Mittel zur Verfügung standen. Die armenische Kirche ist, ebenso wie der überwiegende Teil der Bevölkerung, sehr arm.

Jeder Jerewaner Theologiestudent muß gute Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch oder Deutsch nachweisen. Deutschsprachige Literatur fanden die Gäste aus Deutschland fast überhaupt nicht vor. Mittlerweile stehen in der dortigen Bibliothek fast 1000 theologische Grundlagenwerke in deutscher Sprache. Das Philosophisch-Theologische Studium in Erfurt hat all seine Doubletten zur Verfügung gestellt, etliches hat Schoe-nebeck selbst angeschafft und über die armenische Diözese Deutschlands nach Jerewan transportieren lassen.

Der Priester würde sich ein Austauschprogramm zwischen armenischen und katholischen deutschen Theologiestudenten oder angehenden Gemeindereferenten wünschen. In Gesprächen haben ihm armenische Studenten mehrfach erzählt, daß sie an einem derartigen Austausch interessiert seien. Auch der armenische Katholikos Karekin I. sprach bei seinem jüngsten Deutschland-Besuch mehrfach davon, daß er sich noch mehr Kontakt mit der katholischen Kirche wünsche. In einem wechselseitigen Dialog sollten beide Kirchen voneinander lernen. Dieser Gedanke des weltoffenen armenischen Theologen, der sich auch für gute Beziehungen mit Muslimen in Aserbaidschan und mit russisch-orthodoxen Christen einsetzt, war Klaus Schoenebeck aus dem Herzen gesprochen.


Ostdeutsche Katholiken sind seiner Erfahrung nach besonders geeignet, Beziehungen zur armenischen Kirche zu pflegen: Durch die gemeinsame Erfahrung des Lebens im Sozialismus finden sie schneller Zugang zu den Armeniern, nicht zuletzt über die russischen Sprachkenntnisse. Darüber hinaus werden altorientalische Christen in Deutschland eher in der katholischen als in der evangelischen Kirche heimisch. In Halle sind es allerdings vorwiegend evangelische Christen, die auf Armenier zugehen. Gemeinsam mit dem Zentrum für Armenologie, das zur Zeit erweitert wird, hat sich die evangelische Fakultät dafür eingesetzt, daß Karekin I. am 28. Januar die Ehrendoktorwürde der Halleschen Martin-Luther-Universität verliehen wurde.


Rektor Schoenebeck kennt in Halle syrisch-orthodoxe und bulgarisch-orthodoxe Christen. Ein syrisch-orthodoxer Diakon, der in Halle gerade seine Doktorarbeit schreibt, nimmt jeden Morgen um 6 Uhr an der Meßfeier teil, die Rektor Schoenebeck mit den St.-Elisabeth-Schwestern feiert. Er betet auch die Laudes mit den Schwestern, mit Ausnahme der Fastenzeit. In den Fastenwochen betet er eigene, sehr lange Gebete, die in seiner Kirche für diese Zeit vorgesehen sind. Bei der nächsten Kolping-Wallfahrt des Bistums Magdeburg wird der Diakon die Abschlußandacht mit Texten und Gesängen aus seiner Kirche mitgestalten.

Die Halleschen St.-Elisabeth-Schwestern haben vor einiger Zeit altorientalische und byzantinische Gesänge in ihre Vespergottesdienste aufgenommen. Wenn im Mai an der Halleschen Universität ein Koptologen-Kongress stattfindet, werden die Mönche bei den Elisabeth-Schwestern übernachten. In den Franckeschen Stiftungen, die in Halle in diesem Jahr ihr 300jähriges Bestehen feiern, wird derzeit eine orthodoxe Kapelle eingerichtet, die von verschiedenen altorientalischen und orthodoxen Kirchen genutzt werden soll.

Die Armenier in Halle hoffen darauf, daß Karekin I. die Kapelle im Rahmen eines großen Armenologenkongresses im kommenden Jahr einweihen wird.

Schoenebeck, der Mitglied der deutsch-armenischen Gesellschaft ist, will mit einem Informationsblatt die Schätze der altorientalischen Kirchen für Katholiken zugänglich machen und ihre Situation stärker ins Bewußtsein rücken.

Das Blatt, das er zunächst vorwiegend in seinem Bekanntenkreis verteilt, soll alle zwei Monate erscheinen und ist nach dem Apostel Judas Thaddäus benannt, der im Verbreitungsgebiet der altorientalischen Kirchen missioniert haben soll. In der ersten Ausgabe vom Januar stehen die verfolgten assyrischen Christen in der Türkei im Mittelpunkt.

Darüber hinaus hält der Priester Vorträge in Gemeinden und bei Verbänden, bei denen er Dias seiner Reise zeigt und über die Geschichte Armeniens informiert. Geplant hatte er solch ein zeit- und kraftaufwendiges Engagement eigentlich nicht, sagt er selbst. Er hat sich einfach auf diese Aufgabe eingelassen. Nun zieht sie immer größere Kreise.

Dorothee Wanzek

Wer die Armenienarbeit Klaus Schoenebecks unterstützen möchte, kann ihn unter folgender Adresse erreichen:

St. Elisabeth-Krankenhaus, Mauerstraße 5-10, 06110 Halle.

Buchtip zur Information über Armenien: Tissa Hofmann, Annäherung an Armenien. Geschichte und Gegenwart, Beck`sche Reihe, München 1997, ISBN 3-4064203-0

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 29.03.1998

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