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Bistum Erfurt

He Gott, wenn es dich gibt ...

Anliegenbuch

Erfurt (ep) - "He Gott, ich hoffe, die Kerze, die ich jetzt angezündet habe, hilft was!" - "Mein Herr, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir." - "Ich weiß zwar, daß es dich nicht gibt (Gott), aber ich finde den Dom trotzdem nicht schlecht." - Eintragungen, wie sie sich in dieser und ähnlicher Form, aber auch mit ganz anderen Inhalten im Buch der Anliegen finden, das im Erfurter Dom ausliegt.

Das Buch existiert seit Frühjahr 1994. "Es gab die Idee, ein Buch auszulegen, in dem Menschen ihre Freuden und Sorgen, ihren Dank und ihre Bitten eintragen können", sagt Gemeindereferentin Cordula Hörbe, die als Touristenseelsorgerin am Erfurter Dom tätig ist. Ein guter Gedanke, wie sich schnell herausstellte. Das Angebot stößt auf regen Zuspruch. Die mittelalterliche, nur gut 40 Zentimeter große Pieta an der Nordwand des Dom-Hauptschiffes und die Kerzen davor sind ein Besuchermag-net. Und genau hier liegt auch das Anliegenbuch aus. Wer sich die Pieta ansieht oder vor ihr betet, schaut meistens auch in das Buch hinein. Viele Besucher, darunter auch Nichtchristen, zünden vor dem Vesperbild eine Kerze an. "Ein Licht anzuzünden ist eine Möglichkeit, ohne Worte ein Anliegen auszudrücken", sagt Frau Hörbe. Mancher von ihnen schreibt aber auch ein paar Worte in das Anliegenbuch. "Danke, daß ich hier sein durfte mit einem Menschen, den ich lieb habe. Ich habe eingesehen, daß es anderen viel schlechter geht als mir", heißt es da zum Beispiel. Aber auch: "Lieber Gott, laß mich heute die richtige Entscheidung treffen."

Viele Besucher blättern das Anliegenbuch mit Ruhe durch. "Das Authentischen, in dem die Menschen ihre eigenen Gedanken wiederfinden, zieht die Leute in den Bann", meint Cordula Hörbe. Unter denen, die etwas hineinschreiben, sind auch viele junge Menschen. "Jugendliche nutzen das Buch des öfteren, um etwas von ihren Zweifeln zu formulieren", so die Touristenseelsorgerin. So finden sich zum Beispiel die Zeilen: "Der Freund meines Bruders ist im Alter von 15 Jahren gestorben. Wieso müssen unschuldige Menschen sterben?" Oder sie äußern sich über ihre Not, daß sie sich unverstanden, bevormundet oder gar mißbraucht fühlen: "Herr, ich bitte darum, daß meine Mutter Verständnis für meine Probleme hat und wieder mit mir reden kann." Oder: "This is my fucking life!" (Das ist mein geschändetes, zerstörtes Leben! Unterschrift:) "Punk". Frau Hörbe: "Wenn ich im Dom Dienst habe und sehe Jugendliche, die gerade etwas einschreiben, gehe ich gelegentlich auf sie zu und sage ihnen, daß Menschen in den Anliegen, die sie einschreiben, für sie beten werden. Sie sind dann oft verblüfft darüber, daß sie jemand ernst nimmt."

Regelmäßig formuliert Frau Hörbe aus den dokumentierten Anliegen Fürbitten, "die stellvertretend von Seelsorgern und anderen, die regelmäßig beten, vor Gott gebracht werden", wie sie sagt. Wer dabei mittun will, kann sich bei ihr in der Domküsterei, Tel. 03 61 / 6 46 12 65, melden.

Ein erheblicher Teil der eingeschriebenen Gedanken stammt von Christen, die Gott für erfahrenen Schutz danken und ihn um Hilfe bitten. Besonders dann, wenn auf dem Domplatz Rummel ist und Leute aus Neugier und Jux in den Dom kommen, finden sich auch manche undeffinierbare Sätze in dem Buch. Andere Eintragungen gerade von Jugendlichen lassen jedoch immer wieder deren Wunsch erkennen, an etwas glauben zu können, und das Bedürfnis, es darf nicht alles zu Ende sein mit dem Tod: "Ich hoffe, daß, wenn man stirbt, man in einem Land lebt, wo alles positiv gesehen wird."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 12.04.1998

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