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Bistum Magdeburg

Ein Ire in Dessau - Pater Denis Green

Vorgestellt

Hülfensberg_Kreuz Auch wenn der irische Maristenpater Denis Green nie in Nordirland gelebt hat: Die dortigen Spannungen zwischen den Konfessionen, die sich erst vor kurzem wieder an einem Traditionsmarsch des Oranierordens durch katholische Wohngebiete entzündeten, sind ihm ganz und gar nicht fremd. Seit der ersten großen Eskalation in Nordirland hat Pater Denis den Kontakt zu nordirischen Protestanten gesucht. Häufig war er in einem Versöhnungszentrum, das in der Nähe seines Heimatortes Dublin liegt.

Dabei hat er mehrmals erfahren, wie hartnäckig sich gegenseitige Vorurteile festsetzen können: Einmal fuhr er zum Beispiel mit jungen protestantischen Arbeitern aus Belfast in einem Bus zum Dubliner Versöhnungszentrum. Sie wußten nicht, daß er Katholik ist. Als der Bus an einer katholischen Kirche vorbeifuhr, erzählte ein junger Mann seinen Kollegen: Wenn ein Protestant in ein katholisches Weihwasserbecken greift, tut sich sofort ein tiefes Loch neben ihm auf und er fährt direkt zur Hölle. Ein methodistischer Priester, der ebenfalls mit im Bus saß, geriet in Rage, als er das hörte. Er ließ den Bus an der nächsten katholischen Kirche anhalten und demonstrierte den jungen Männern, daß ihre Prophezeiung unzutreffend war.

Der 77jährige Maristenpater glaubt, daß solche Vorurteile sich nur durch persönliche Kontakte ausräumen lassen. Er weist aber auch darauf hin, daß der Erfolg des Friedensprozesses noch von sehr viel mehr abhängt. Schließlich stehen hinter den Konflikten nicht nur Vorurteile zwischen den Konfessionen, sondern vor allem politische und soziale Spannungen.

Denis Green, der zuvor bereits Auslandserfahrung in England und Italien gesammelt hat, beendete vor wenigen Tagen einen Zwei-Jahres-Aufenthalt bei den Dessauer Maristenpatres. Zu Protestanten hatte er in dieser Zeit nur wenig Kontakt. Als er reformierte Gottesdienste der Anhaltischen Kirche besuchte, fiel ihm allerdings auf, daß die Gotteshäuser sehr nüchtern aussehen. Im Vergleich zu den Presbyterianern, die in Irland als "sehr protestantisch" gelten und erst recht im Vergleich zu den irischen Anglikanern hat Pater Denis bei den Reformierten in Anhalt kaum sakramentales Leben wahrgenommen.

Der irische Maristenpater hat viel Zeit verbracht mit den Katholiken der Dessauer Dreieinigkeits-Gemeinde, aber auch mit Dessauern, die keiner Konfession angehören. Einen lebhaften Austausch pflegte er zum Beispiel mit einem nicht-katholischen Rentner, dem er Englischunterricht gab. Im Austausch korrigierte der ihm seine deutschen Predigttexte. Als er sich einer kleineren Operation unterziehen mußte, entschied er sich bewußt nicht für das katholische, sondern für das staatliche Krankenhaus. Zu seiner Überraschung traf er Patienten und Krankenhausmitarbeiter, die interessiert waren an religiösen Fragen und die ihn als Geistlichen sehr offen aufnahmen. Noch heute, anderthalb Jahre später, richtet das Krankenhauspersonal Grüße aus an "unseren Herrn Green".

Eigentlich war der irische Pensionär nur für ein Jahr nach Dessau gekommen. Daß er seine Aufenthaltszeit verdoppelte, ist zu einem großen Teil der herzlichen und offenen Aufnahme durch die Dessauer Katholiken geschuldet. Entgegen dem Bild der humorlosen Feier-Muffel, das sich viele Ausländer von den Deutschen machen, hat Denis Green in der Dessauer Dreieinigkeits-Gemeinde soviel gefeiert wie kaum je zuvor in seinem Leben. Besonders nachhaltig berührt hat ihn das Fest, das die Gemeinde zu seinem goldenen Priesterjubiläum vorbereitet hat.

Einen Unterschied zur irischen Feierkultur hat er allerdings ausgemacht: "In Deutschland braucht man Zeit, Ort und Grund zum Feiern, in Irland geschieht das meistens einfach spontan." Die deutsche Förmlichkeit ist ihm an vielen anderen Stellen aufgefallen: "An einer roten Fußgängerampel bleiben die Deutschen stehen, auch wenn weit und breit kein Auto kommt. Manchmal hatte ich den Eindruck, in Deutschland ist das Gesetz für das Gesetz da, weniger für den Menschen."

Dorothee Wanzek

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 09.08.1998

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