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Aus der Region

Die ersten Überlebensprobleme durch Finanzkrise

Rußland - Interview

Die Finanzkrise in Rußland beeinträchtigt nicht nur die Börsen, sondern auch immer mehr das Alltagsleben der Menschen. Zunehmend leeren sich die Regale in den Geschäften -auch in den großen Städten Moskau und St. Petersburg. Die Geduld, mit der die meisten Menschen in Rußland die Krise ertragen, könnte irgendwann erschöpft sein. Nach der Wahl von Jewgeni Primakow zum neuen Premierminister in der vergangenen Woche scheint zumindest die Regierungskrise überwunden. Ob damit aber auch die anderen Probleme gelöst werden? Daer Tag des Herrn fragte nach bei dem aus dem Bistum Görlitz stammenden Priester Hartmut Kania, der seit 1991 als Seelsorger in St. Petersburg arbeitet:

Frage: Herr Pfarrer Kania, ist nach der Wahl von Primakow zum neuen russischen Premierminister die Staatskrise überwunden? Wohin geht jetzt die politische Entwicklung in Rußland?

Kania: Natürlich ist die eigentliche Krise nicht überwunden. Auch der beste Mann auf dem Posten des Premierministers wird das nicht ausgleichen können, was viele Jahre lang, auch in den letzten sieben Jahren, nicht aufgearbeitet und verändert wurde. Es ist zu hoffen, daß Primakow den Mut hat, gegen alle Widerstände im eigenen Haus unaufschiebbare aber unpopuläre Reformen vorzunehmen. Doch ob der Großteil der Bevölkerung auch in der Lage ist, noch größere und weitere Einschränkungen, als er ohnehin erträgt, hinzunehmen, das weiß ich nicht

Frage: Seit Jahren sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in Rußland katastrophal - gibt es irgendeine Hoffnung?

Kania: Eine Vision für eine wirtschaftliche und politische Lösung habe ich und sicher viele andere auch nicht. Im Gegenteil: Viele erhoffen von Politik und Regierung nichts mehr. Doch wenn man erfahren kann, daß man trotzdem nicht allein gelassen ist, dann findet man wohl auch Kräfte, um diese fundamentale Krise durchzustehen

Frage: Wie wirken sich die jüngsten wirtschaftlichen und politischen Probleme auf die Arbeit der Kirche in Rußland aus?

Kania: Ich kann diese Frage natürlich heute noch nicht beantworten. Ich weiß nur, daß in unserer Caritas-Arbeit und beim Einkauf von Lebensmitteln für unsere drei Armenküchen durch die leeren Regale in den Geschäften und die ständig steigenden Preise, die ersten Überlebensprobleme anfangen

Frage: In den nächsten Monaten werden sicher wieder Spendenaktionen für Rußland gestartet. Mancher hier in Deutschland aber hat inzwischen den Eindruck, Rußland sei ein "Faß ohne Boden" und mit ein paar Spenden könne man sowieso nichts tun. Was möchten Sie entgegnen?

Kania: Auch das zerstörte Deutschland sah nach dem Krieg nicht sehr hoffnungsvoll aus. Aber man hat mit der Hilfe von Freunden mutig wieder angefangen, etwas aufzubauen. Das können wir auch tun. Gott sei dank sind dafür in den letzten Jahren neben allen staatlich gelenkten Einrichtungen einige andere, stabile Strukturen gewachsen

Interview: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 38 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 20.09.1998

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