Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Erinnerung - Anregungen für den 9. November

Gastbeitrag

Zum bevorstehenden Gedenken an den 9. November 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten, hat Joachim Kaiser, katholischer Christ und Beigeordneter für Kultur der Stadt Erfurt, einen Brief an die "katholischen Brüder und Schwestern" geschrieben, den der Tag des Herrn leicht gekürzt wiedergibt:

... Das Jahr 1998 ist - neben mancherlei erfreulichen Gedenktagen - von einer bedrückenden Erinnerung beherrscht: In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen, so auch in unserer Stadt Erfurt. Dieses Geschehen - vor 60 Jahren - ließ mich Überlegungen anstellen, wie wir Christen in Erfurt mit diesem Gedenken umgehen könnten. Sie sind der Versuch, Erkenntnisse über Versagen und Schuld in konkretes Handeln umzusetzen. Ich denke, daß es der Christenheit einer Stadt, die mindestens seit dem Ende des 11. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde aufwies, wenn nicht gar deren Anfänge schon um die Zeit Karl des Großen ... zu suchen sind, ... gut ansteht, deutliche Akzente zu setzen

Die erste Verfolgung haben die Juden unserer Stadt vermutlich schon um das Jahr 1221 erlitten und immer wieder fiel die Bürgerschaft über ihre jüdischen Mitbewohner her, die einmal der Vergiftung der Brunnen verdächtigt wurden, ein anderes Mal rituelle Kindermorde begangen haben sollten oder der Hostienschändung beschuldigt wurden. Der erste große Höhepunkt war der Judensturm im Jahre 1349, der tausenden von Erfurter Juden das Leben kostete. Etwas mehr als 100 Jahre später erfolgte die restlose Vertreibung aller Juden aus der Stadt. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts gab es wieder Juden, die sich in Erfurt niederlassen durften. Eine neue furchtbare Dramatik im Umgang mit den jüdischen Mitbürgern vollzog sich dann am 9. November 1938

Die katholischen Gemeinden sollten hinführend auf den Gedenktag ... durch die Verwendung einer Menorah, eines siebenarmigen Leuchters, bei jedem Gottesdienst ... ein erinnerndes und mahnendes Zeichen aufstellen. Ob man in diesem Geist der Sühne und Versöhnung noch nach jedem Gottesdienst einen ... Psalm oder ein Gebet der Judenheit (Kaddisch) anhängt, wäre schon der Prüfung wert. Ebenfalls hinführend auf das Datum ... könnte ich mir mindestens eine Predigt am 8. November ... zum Thema vorstellen oder gar einen Predigtzyklus. Die begleitende Bearbeitung des Themas ... dürfte auch im Religionsunterricht und in Jugend- und Familienkreisen sehr zu empfehlen sein. Wenn möglich sollte die Kollekte eines Sonntags, vielleicht die des 8. November, der jüdischen Gemeinde für die Bedürfnisse jüdischer Zuwanderer zur Verfügung gestellt werden. Die letzte Anregung beträfe die Nacht vom 9. zum 10. November: Meine Empfehlung wäre, am Abend des 9. November die Ökumenische Spielgemeinde um die Aufführung des Stückes eines holländischen Autors "Der Zug" zu bitten ... Nach der Aufführung könnte sich die Zuhörergemeinde zu einem mahnenden Gang der Stille - mit Kerzen - auf den Weg zum ehemaligen und jetzigen Standort der Synagoge machen. Dort ... sollte mit einem Gebet und dem Niederlegen eines Blumengebindes die Gedenkveranstaltung enden

Ein gemeinsames "mea culpa" aller christlichen Gemeinden der Stadt würde uns gut anstehen. Es wäre die angemessene Antwort der "Basis" auf manches Verdrängen und Abschotten und auf die rechtsradikalen Ereignisse der jüngsten Zeit

Joachim Kaiser, Erfurt

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 44 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.11.1998

Aktuelle Empfehlung

Der TAG DES HERRN als E-Paper - Jetzt entdecken!

Aktuelle Buchtipps