Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Vor dem Gipfel wird es steil

ACK-Vorsitzender

Magdeburg / Erfurt - Vom 26. bis 28. Oktober tagte in Magdeburg die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland. Der ACK gehören 17 Kirchen und christliche Gemeinschaften als Mitglieder an, vier Kirchen haben Gastrecht. Vorsitzender ist der Erfurter Bischof Joachim Wanke.

Frage: Herr Bischof Wanke, seit 50 Jahren besteht die ACK. Was leistet die Arbeitsgemeinschaft für die Einheit der Kirchen?

Wanke: Die ACK ist ein Gremium zum Austausch, zur Begegnung, zum Kennenlernen. Wir wollen gemeinsam den Glauben bekennen und Zeugnis für das Evangelium ablegen. Aber wir besprechen auch die uns belastenden Probleme. Und wir versuchen, die ein oder andere Aktion zu starten - wie hier in Magdeburg die Aktion "Lade deinen Nachbarn ein", bei der es darum geht, auf lokaler Ebene die Begegnungen von Menschen verschiedener Kulturen zu fördern. Wir tun also als christliche Kirchen schon eine ganze Menge gemeinsam.

Es gibt das Gebot Christi, daß wir die Einheit suchen sollen. Und das ist nicht einfach, denn wir sind untereinander nicht ganz einig, wie diese Einheit aussehen soll. Da wird oft gesagt "Einheit in versöhnter Verschiedenheit". Daran ist richtig: Die Einheit wird nicht uniform sein. Aber sie muß - das ist meine persönliche Überzeugung -Einheit bringen im Glaubenbekenntnis, in der Liebe und in der Liturgie, die vielgestaltig sein kann, aber uns auf Dauer zusammenführen muß in der gemeinsamen Eucharistie.

Frage: Wie weit ist es denn noch von der Arbeitsgemeinschaft bis zur Kirchengemeinschaft?

Wanke: Wir dürfen nicht verkennen: Der ökumenische Gedanke steckt derzeit in einer Krise. Für die einen geht es nicht schnell genug. Andere sehen die Ökumene kritisch, weil sie Angst haben, die eigene Kontur zu verlieren, ihre Identität aufzugeben. Ökumene ist ein mühseliges Unterfangen. Aber ich sage gern: Wenn man einen Berg besteigen will, werden vor dem Gipfel die Wege besonders steinig und steil. Vielleicht sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen auf den Gipfel zur Einheit der Kirchen. Natürlich brechen da Ängste auf, denn jetzt wird es gefährlich, weil es um das Ganze geht. Hier heißt es, die Einheit zu suchen und nicht ängstlich zurückzublicken nach dem Motto: Wo bleiben wir? Was wird mit uns?

Frage: Ein Punkt der Tagung war der katholisch-lutherische Dialog, in dem es vor allem um die Rechtfertigungslehre geht, eine Diskussion auf hoher theologischer Ebene. Für manchen sieht diese Diskussion wie ein Streit über Spitzfindigkeiten aus und er fragt sich: Warum muß das noch sein?

Wanke: Bei der Rechtfertigungsfrage geht es um eine ganz zentrale Frage: Wie verstehen wir das Erlösungswerk Christi? Nicht jedermann muß Theologe sein, aber jeder muß die Grundfrage verstehen: Können wir uns darüber verständigen, daß alles, was uns von Gott geschenkt ist, wirklich Gnade, das heißt umsonst empfangene Gabe ist? Und wie verhält sich dazu die Mitwirkung des Menschen? Sind wir nur passive Empfänger der Gnade oder können wir die Gnade dankbar annehmen und aus ihrer Kraft wirken? An dieser Frage ist die Reformation aufgebrochen. Deshalb müssen wir an ihr arbeiten, wenn wir historisch redlich miteinander umgehen wollen.

Diese Frage ist übrigens auch eine Frage an unsere Leistungsgesellschaft, die sich ja alles Lebensglück und Heil aus der Kraft eigener Anstrengung schaffen will - und merkt, wie das so oft mißlingt. Insofern ist die Frage nach der "Rechtfertigung" des Menschen, besser: nach seinem "Richtig-Sein", auch eine Frage nach einer modernen, in die heutige Welt passende Frömmigkeit. Leider gelingt es uns Predigern und Seelsorgern oft zu wenig, dies verständlich zu vermitteln. Doch eines ist sicher : Dies ist ein Thema, das reformatorische und katholische Christen in besonderer Weise angeht. Für mich ist es ein Geschenk, daß wir zum ersten Mal in einer theologischen Frage "kirchenoffiziell" versuchen, eine Übereinstimmung zu finden. Eine Übereinstimmung von Theologen könnte einfach weggewischt werden. Unter diese Übereinstimmung aber sollen die Kirchen - Rom und der Lutherische Weltbund - offiziell ihre Unterschrift setzen. Darum kämpfen und ringen wir im Augenblick, und ich hoffe, daß die bisher aufgewandte Mühe nicht vergeblich ist.

Frage: Viele Menschen scheinen diese Dinge gar nicht zu interessieren. Sie suchen anderswo ihre religiösen Erfahrungen - etwa beim Dalai Lama, der ja gerade Deutschland besucht hat. Und die Kirchenbänke werden leerer. Blockieren die Kirchen als Institutionen nicht selbst für manchen den Weg zum Glauben? Fehlt dem Christentum etwas, was Menschen heute suchen?

Wanke: Heute ist der Mensch mißtrauisch gegen Institutionen. Das betrifft Gewerkschaften, Parteien und andere Gremien ebenso wie die Kirchen. Wir müssen deutlich machen, daß es bei Kirche und Nachfolge Christi nicht um eine Einengung von Freiheit geht, sondern um eine Hilfe, richtig, gut und menschlich zu leben. Das gelingt vielleicht nicht genug, aber wer in der Kirche lebt und in der DDR- Zeit hier bei uns in der Kirche gelebt hat, der hat begriffen, daß Christ-Sein frei macht von allen falschen Ideologien - damals von der sozialistischen und heute von marktwirtschaftlichen.

Etwas Zweites: Das Fremde ist immer interessanter. Man entdeckt manchmal über das Fremde wieder das Eigene. Ich fand es schön, daß der Dalai Lama die Christen in Deutschland aufrief, ihrer Religion treu zu bleiben. Es ist natürlich beschämend, daß uns das ein Dalai Lama sagen muß. Aber es ist so, daß wir gelegentlich vergessen, welche Schätze wir haben. Und diese gilt es neu zu entdecken. Dazu will die ACK helfen.

Interview: Stephan Radig

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.11.1998

Aktuelle Empfehlung

Der TAG DES HERRN als E-Paper - Jetzt entdecken!

Aktuelle Buchtipps