Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Die Unruhe der Welt mitnehmen

Zum 90. Geburtstag von Luise Rinser am 30 April

In einem Brief an den Theologen Karl Rahner erzählt Luise Rinser 1962 folgendes Erlebnis: Im Zug kam sie mit zwei Italienern und einem nach Schweden ausgewanderten Deutschen ins Gespräch. "Nach einer Weile sprachen wir von deutscher und italienischer Literatur, und der Schweden-Deutsche sagte, die moderne deutsche Literatur sei ihm zu nihilistisch und es gäbe nur eine, die er gelten lasse und ob ich von ihr etwas gelesen habe - nämlich von Luise Rinser. Ich zog schweigend meinen Pass und reichte ihn ihm. - Sie können sich den Knall-Effekt vorstellen."

Diese Geschichte kennzeichnet Werk und Wirkung Luise Rinsers treffend. Seit ihrer Novelle "Jan Lobel aus Warschau" von 1948 gehört sie zu den meist gelesenen deutschsprachigen Schriftstellern. Obwohl die Novelle tragisch endet, ist sie doch von einem starken Glauben an die Macht der Liebe - das ist hier nicht sentimental verstanden - und von einem tiefen Verständnis für das menschliche Leben in seiner Verworrenheit und Schuldhaftigkeit durchdrungen.

Über ihre Gewohnheit, täglich zur Frühmesse zu gehen, schreibt sie in der Erzählung "Septembertag": "Ich suche hier keinen Frieden, den will ich nicht, ich lasse nicht die Welt draußen vor der Tür, um drinnen, allein, auf spirituelle Weise glücklich zu sein; ich nehme vielmehr entschlossen die Unruhe der Welt mit hinein, wohin sonst sollte ich sie tragen als eben da hinein."

Dieses letzte Vertrauen zu Gott, die innige Verbundenheit mit dem Leben bewahren die Dichterin vor "Nihilismus". Aus dieser Haltung erwächst Verantwortungsbewusstsein für die Menschen und für die Schöpfung. Luise Rinsers Einsatz für kirchliche Reformen, für politische Freiheit und für soziale Gerechtigkeit haben ihre Ursache in ihrer lebendigen Beziehung zu Gott. Für viele ist dieses Engagement glaubhaft. 1984 wurde sie von den Grünen als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt. Wenn sie in ihrer Parteinahme für linke Gewalttäter und kommunistische Systeme gelegentlich zu unkritisch war, erklärt sich das aus ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Oft stehen Frauen, die unkonventionell leben, lieben und glauben im Mittelpunkt ihrer Bücher. Langweilig sind sie nie. Sie sind voll von prallem Leben. Luise Rinser verwendet Stilmittel des Kriminalromans ("Der Sündenbock", 1955), der trivialen Liebesgeschichte (die "Nina"-Romane, 1950/1957) sowie des Tagebuchs ("Septembertag", 1967) .

Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit kritisiert sie ebenso wie Starrheit und alles, was dem Leben schadet. Leider erliegt sie selbst gelegentlich der Gefahr selbstgefällig zu schreiben. Dass sie immer wieder von ihrem Glauben schreibt, begründet sie so: "Ich kann es nicht lassen, von diesen Dingen zu sprechen, - sei es gelegen oder ungelegen. So wie ein Verliebter immer von der Geliebten reden will auch zu Leuten, die das gar nicht interessiert, so muss ich von meiner großen Liebe reden."

Jürgen Israel

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 18.04.2001

Aktuelle Empfehlung

Der TAG DES HERRN als E-Paper - Jetzt entdecken!

Aktuelle Buchtipps