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Bistum Erfurt

Barbara Polifka über ihre Verwandte Edith Stein

Interview

Der Großvater der 54jährigen Krankenschwester Barbara Polifka aus Mühlhausen war ein Cousin von Edith Stein. Im Oktober nahm die evangelische Christin aus Thüringen an der Heiligsprechung in Rom teil. Der Tag des Herrn sprach mit Barbara Polifka über ihr Verhältnis zu der Heiligen:

Was finden Sie an der Person Edith Stein bewundernswert?
Sie hat das, was sie als richtig erkannt hat, durchgesetzt und ist dem dann auch konsequent nachgegangen. Ich finde es ganz stark, daß sie sich so mit dem katholischen Glauben befaßt hat und da ihren Weg gegangen ist. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß ich jetzt meinen Glauben aufgebe und mich auch so sehr mit einer anderen Religion befasse wie sie. Sie hat sich so sehr damit beschäftigt, immer wieder hat sie in sich reingehorcht: "Ist denn dieser Weg hier der richtige für mein Leben?" Gerade diese Konsequenz ist bewundernswert. Es gibt Menschen, die sie erkannt haben im Transport nach Auschwitz und gesagt haben, sie wäre ihnen gleich durch ihre gefaßte Haltung - wie eine Lichtgestalt - aufgefallen. Sie ist wirklich nur ihrem Glauben nachgegangen. Man kann sagen, daß sie alles andere "abgeworfen" hat. Wahrscheinlich entsprach das ihrem ganzen Charakter. Edith Stein war auch reformierend in Sachen Erziehungswissenschaften und auch was die Frauenrechte betraf, war sie sehr progressiv. Heute würde man sie vielleicht als "Emanze" bezeichnen. Wenn die Nazi-Zeit nicht gekommen wäre, wäre sie sogar noch Professorin geworden. Sie ist nicht eine Heilige in dem Sinn, daß sie Wunder vollbracht hat. Letztlich sind die Besonderheiten an ihr die intensive Beschäftigung mit der Philosophie und ihre Suche nach Wahrheit.
Was denken Sie - welche Bedeutung hat Edith Stein heute?
Eine nette Dame, die in Rom während des Konzertes zu Ehren Edith Steins neben mir saß, hat gesagt: "Man braucht Vorbilder für die Jugend". Da habe ich sehr drüber nachdenken müssen. Eigentlich hat sie recht. Wo hat man denn heute Vorbilder für die Jugend? Edith Stein ist auf alle Fälle ein geistiger Führer für jedes Alter. Daß Menschen heiliggesprochen werden, war mir natürlich fremd. Damit mußte ich mich erstmal befassen. Aber auf alle Fälle ist sie wirklich eine Frauengestalt, die sehr verehrungswürdig ist.
Was haben sie in ihrer Kindheit und Jugend von Edith Stein gewußt?
In meinem Teil der Familie war nicht so viel bekannt. Ich habe ganz wenig gewußt. Mir war bekannt, daß sie konvertiert war. Mein Großvater, ein Cousin Edith Steins, starb früh. Da haben sich wahrscheinlich die Spuren verloren. Es ist eine sehr verzweigte Verwandtschaft. Viele von ihnen sind schon vor dem Krieg ausgewandert. Da gab es dann keine weiteren Verbindungen mehr.
Wann haben sie zum ersten Mal Näheres über diese besondere Verwandte mitbekommen?
Im Grunde genommen, nach der Wende. Ein Schweizer Verwandter, Gerhard Holti, hat uns aufgesucht, um seinen Stammbaum zu vervollständigen. Später brauchte ich seine Hilfe wegen einer Erbschaftsangelegenheit. Dann sind wir in Verbindung geblieben. Er hat mir viel von Edith Stein erzählt und hat Zeitungsausschnitte und andere Informationsmaterialien geschickt.
Wie erfuhren Sie von der Heiligsprechung?
Gerhard Holti hatte mir und meinem Mann schon von der Seligsprechung erzählt. Später erzählte er, daß sie heiliggesprochen werden soll. Und dann kam die Einladung vom Erzbistum Köln. Ich habe etliche katholische Kollegen, und die Verwandtschaft meines Mannes ist katholisch. Die haben gesagt: Da müßt ihr unbedingt hinfahren, das ist was ganz Besonderes. Ich war dann auch gespannt. Das hat mich natürlich interessiert.
Wie haben sie sich auf die Heiligsprechung vorbereitet?
Ich bin sofort in die Buchhandlung gegangen und habe gesagt: Ich hätte gern alles, was sie von Edith Stein haben! Dort habe ich mir einen sehr schönen Lebenslauf besorgt. Mein Mann hat das Buch auch gelesen und war danach genauso interessiert. Die Sache wurde immer spannender, je näher die Heiligsprechung rückte.Es hat mich sehr berührt, was Edith Stein für einen Lebensweg genommen hat. Eigentlich kann man sagen: Sie war eine Zweiflerin. Doch dann solche Entscheidungen zu treffen, wie sie sie getroffen hat, das war schon groß.

Interview: Juliane Hutmacher

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 31.01.1999

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