Hohes Maß an verdeckter Armut
Lebenslagenbericht Ostdeutschland
Leipzig (tdh) - Mehr als jeder zweite, der in den neuen Bundesländern eine Beratungsstelle von Caritas oder Diakonie aufsucht, nimmt seinen Anspruch auf Sozialhilfe nicht wahr. Dieses hohe Maß an "verdeckter Armut" im östlichen Teil Deutschlands haben die beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände kürzlich in Leipzig erneut beklagt. Anlaß war die Vorstellung des abschließenden Berichtes über die Lebenslagenuntersuchung in den neuen Bundesländern, deren erste Ergebnisse Diakonie und Caritas bereits 1997 veröffentlicht hatten. Befragt wurden dafür rund 3000 Klienten der beiden Wohlfahrtsverbände
Der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Hellmut Puschmann, betonte, daß die Veröffentlichung erster Ergebnisse 1997 bereits politische und gesellschaftliche Auswirkungen gezeigt habe. So sei beispielsweise die "unselige Mißbrauchsdiskussion eingedämmt" worden. Die Untersuchung habe -nach anfänglichen Differenzen -auch die Kommunen als Träger der Fürsorgeleistungen zum Umdenken angeregt. Viele hätten ihre Rolle als Beschäftigungsträger für Sozialhilfeempfänger deutlich ausgebaut, sagte Puschmann. Außerdem zeige der Bericht, daß die Angebote der kirchlichen Verbände weit über den "kirchlichen Binnenraum" hinaus von Menschen in Anspruch genommen würden
Der Präsident des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirche, Jürgen Gohde, forderte Armut und soziale Ausgrenzung stärker öffentlich zu diskutieren. Beispielsweise müsse dringend über die Höhe des Existenzminimums gesprochen werden. Gohde begrüßte das Sofortprogramm der Bundesregierung zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, kritisierte aber, daß es auf ein Jahr befristet sei. Außerdem forderte er die Bundesregierung auf, bei ihren Reformen die Auswirkungen für finanziell Schwache zu berücksichtigen: Konkret seien spezielle Regelungen für Familien nötig, die Sozialhilfe empfangen, und wegen Berufstätigkeit eines Elternteiles auf ein Kraftfahrzeug angewiesen sind. Gohde beklagte auch, daß eine verläßliche Sozialarbeit wegen der Gefährdung der Finanzierung von sozialen Diensten besonders in den neuen Bundesländern nicht möglich sei
Die Lebenslagenuntersuchung "Menschen im Schatten" (Autoren: Werner Hübinger, Udo Neumann) ist im Lambertus-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich (Preis: 33 Mark), ISBN 3-7841-1121-1.
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 21.02.1999