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Aus der Region

Die UNO stärker mit einbeziehen

Erfurter Moraltheologe Römelt zu Afghanistan

Moraltheologe Josef Roemelt Eine stärkere Einbeziehung der UNO und mehr Dialog zwischen den Kulturen fordert der Erfurter Moraltheologe Josef Römelt im Zusammenhang mit den Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September. Der Tag des Herrn sprach mit ihm:

Frage: Herr Professor Römelt, wie beurteilen Sie aus der Sicht christlicher Ethik die Militäraktionen der USA in Afghanistan?

Römelt: Der Anschlag vom 11. September hat eine völkerrechtlich völlig neue Situation geschaffen. Einen solchen weltweit vorbereiteten Terrorakt hat es noch nicht gegeben. Eigentlich bräuchte es für eine sachgerechte Reaktion eine Art Weltpolizei, denn die Fahndung nach den Tätern ist kein Gegenstand einer Militäraktion. Nötig ist die polizeiliche Verfolgung der Verbrecher, die dann richterlichen Ins-tanzen zugeführt und bestraft werden müssen. Diese Weltpolizei gibt es nicht, und ich kann verstehen, dass die USA sich zum Handeln gezwungen sehen. Ich wäre aber froh, wenn sie bewusster und deutlicher die UNO einbeziehen würden.

Frage: Die Amerikaner haben ja erklärt, dass ein Ziel ihrer Aktion die Gefangennahme Bin Ladens, gegebenenfalls seine Tötung ist. Ist Letzteres mit christlicher Ethik vereinbar -Stichwort: Tyrannenmord?

Römelt: Der Tyrannenmord ist nur in einer äußerst dramatischen Situation zu rechtfertigen. Ich erinnere an Adolf Hitler. Damals haben sich auch Christen gefragt: Müssen wir nicht alles tun, um diese Tyrannei zu beendet? Mit Blick auf Bin Laden wäre eine solche Reaktion überzogen. Hier geht es um Gerechtigkeit in dem Sinne, dass die Täter strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden müssen. Vorstellen kann ich mir höchstens, dass sich die Bemühungen zur Festnahme so schwierig gestalten, dass Bin Laden im Rahmen der Verfolgung getötet wird.

Frage: Mit der Militäraktion haben die Amerikaner doch auch eine Verantwortung gegenüber dem afghanischen Volk übernommen. Wie können sie dieser gerecht werden?

Römelt: Inzwischen ist tatsächlich der Eindruck entstanden, dass es den Amerikaner auch darum geht, das afghanische Volk von der Unrechtsherrschaft der Taliban zu befreien. Wir können nur wünschen, dass in der Folge in Afghanistan ein demokratisches System entsteht, das dem Willen der Menschen dort entspricht und das auf die verschiedenen Interessen der Bevölkerungsgruppen Rücksicht nimmt. Afghanistan braucht eine Ordnung, von der die Menschen sagen, das entspricht unserem Glauben, unserer Kultur und unserem Recht auf Selbstbestimmung.

Frage: Wie beurteilen Sie die lauter werdenden Forderungen nach einer Pause beziehungsweise dem Ende der Militäraktion?

Römelt: Wie gesagt, die Amerikaner führen die Militäraktion ja durch, weil keine andere effiziente Möglichkeit der Verfolgung der Täter existiert. Solange die Täter nicht gefasst sind, ist es schwierig zu sagen: Wir geben auf. Allerdings muss die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt bleiben. Das ist in der traditionellen christlichen Ethik ein wichtiges Kriterium. Wo die Opfer größer werden als das, was an Gerechtigkeit erreicht werden kann, müssen die Militäraktionen beendet werden. Diese Frage müssen sich die Amerikaner immer wieder stellen. Freilich wäre es völlig absurd, die Zahl der Toten gegenzurechnen. Eine Hilfe könnte aber wiederum eine stärkere Rückkopplung an die UNO sein. Hier könnte auch nach Alternativen gesucht werden.

Frage: Sehen Sie Alternativen?

Römelt: Gegenwärtig nicht. Die politischen Verhandlungen mit den Machthabern in Afghanistan über eine Auslieferung bin Ladens hatten offensichtlich keinen Erfolg. Was also könnte selbst die UNO in dieser Situation anderes tun, als mit entsprechenden Aktionen deutlich zu machen, dass man einen Verbrecher mit dringendem Tatverdacht nicht einfach davon kommen lassen kann? Die Taliban selbst könnten - mit einer Auslieferung Bin Ladens -viel zu einer Alternative beitragen.

Frage: Was halten Sie vom möglichen Einsatz der Bundeswehr?

Römelt: Wir Deutschen müssen den Amerikanern Rückhalt signalisieren. Wir müssen deutlich machen: Eine Verfolgung dieses Terrors ist kein Privatproblem der Amerikaner, sondern auch unsere Sache. Es geht nicht um Krieg sondern um polizeiliche Verfolgung des weltweiten Terrorismus. Ich habe eine größere Einbeziehung der Weltöffentlichkeit gefordert. Das heißt für Deutschland: Wir müssen unsere Bereitschaft artikulieren, an einer überstaatlichen polizeilichen Verfolgung dieser Straftäter mitzuarbeiten.

Frage: Was können wir darüber hinaus tun?

Römelt: Wir brauchen einen stärkeren Dialog zwischen den Kulturen. Die bestehenden Berührungspunkte müssen wir verstärken. Einige Attentäter haben in Deutschland gelebt. Offensichtlich haben sie bei uns keine geistig-geistliche Heimat gefunden, die ihnen geholfen hätte, sich von ihren fundamentalistischen, aggressiven religiösen Vorstellungen zu lösen. Das ist natürlich eine Frage an uns: Was können wir tun, damit Menschen aus anderen religiösen und kulturellen Zusammenhängen in unserer westlichen Welt heimisch werden können?

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 44 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 01.11.2001

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