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Aus der Region

Hilfe für ein Ste../../inchen im Mosaik Europas

Sorben

Seit Oktober 1991 gibt es die "Stiftung für das sorbische Volk". Seit Mitte März ist der Crostwitzer Pfarrer Clemens Rehor Vorsitzender des Stiftungsrates. Der Stiftungsrat ist ein Gremium aus Vertretern der an der Stiftung beteiligten Bundesländer, der Bundesregierung und Vertretern der Sorben. Der Tag des Herrn sprach mit Pfarrer Rehor:

Frage: Herr Pfarrer, welchem Ziel dient die "Stiftung für das sorbische Volk"?

Rehor: Das Ziel ist eindeutig formuliert: Aufgabe der Stiftung ist die Pflege und Förderung der sorbischen Sprache und Kultur als Ausdruck der Identität des sorbischen Volkes. Seit eineinhalb Jahrtausenden wird die sorbische Sprache in dieser Gegend gesprochen. Bis heute ist Sorbisch eine lebendige Sprache, obwohl sie es nicht leicht hat, denn Sorbisch - übrigens eine sehr schöne Sprache - ist eine Minderheitensprache, die kein Mutterland im Ausland hat. Damit dieses kleine Ste../../inchen im großen Mosaik Europas nicht verloren geht, bedarf es eines besonderen Schutzes und besonderer Hilfe. Deshalb haben die Bundesländer Sachsen und Brandenburg sowie die Bundesrepublik diese Stiftung gegründet und finanzieren sie

Frage: Über welche finanziellen Mittel verfügt die Stiftung und was unterstützt sie damit?

Rehor: Die finanziellen Mittel der Stiftung werden jährlich neu festgelegt. In diesem Jahr werden es wahrscheinlich 32 Millionen Mark sein. Von der Stiftung gefördert werden zunächst Institutionen. Dazu gehört eine wissenschaftliche Einrichtung - das sorbische Institut in Bautzen und Cottbus, von dem wir beispielsweise die Herausgabe aktueller Wörterbücher erwarten. Dazu gehören weiter ein deutsch-sorbisches Theater in Bautzen, das Nationalensemble, ein Museum, ein Verlag und die Verwaltung unseres Verbandes, der Domowina. Andere Gelder fließen in konkrete Projekte, wie einen Film über das Leben der Sorben, oder die Stiftung unterstützt die Durchführung großer Veranstaltungen und Feste, bei denen die sorbische Kultur eine Rolle spielt

Frage: Gelegentlich gibt es Diskussionen um die finanzielle Ausstattung der Stiftung. Genügt das Geld?

Rehor: Auf keinen Fall ist es zu viel. Ein einziges Theater in einer großen Stadt erhält mitunter doppelt soviel Fördergelder, wie wir für unsere ganze Arbeit. Das Problem ist, daß die Mittel seit Bestehen der Stiftung laufend gekürzt werden. Jedes Jahr steht der Stiftungsrat erneut vor der Frage, wo gestrichen werden muß. Wir wollen keine Institution schließen, aber wenn die Mittel ständig weniger werden, geht das langsam an die Substanz

Ein Mißverständnis möchte ich in diesem Zusammenhang nennen: Für mich ist der Name "Stiftung für das sorbische Volk" ziemlich unglücklich. Das klingt so, als ob nur die Sorben unterstützt werden. Die Stiftung unterstützt aber Institutionen und Projekte im zweisprachigen Gebiet der Ober- und Niederlausitz. Und davon haben auch alle Deutschen, die hier wohnen, etwas. Wir finanzieren beispielsweise ganz oder teilweise 400 Arbeitsplätze. Aber nur etwas mehr als die Hälfte der 400 Beschäftigten sind Sorben. Ein anderes Beispiel ist das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen. Ohne die Stiftung gäbe es in Bautzen kein Theater - auch kein deutsches. Und wenn wir ein sorbisches Museum fördern, oder Veranstaltungen unterstützen, dann zieht das Touristen in die Region. Und das ist eben nicht nur etwas für die Sorben, davon haben alle etwas. Wenn wir die Stiftung nicht hätten, wären wir alle in dieser Region ärmer. Aber das will mancher nicht verstehen

Frage: Trotz Ihrer Arbeit - besteht nicht doch die Gefahr, daß vom sorbischen Volk am Ende nur noch Folklore übrigbleibt?

Rehor: Gerade das wollen wir verhindern. Ich bin zwar kein Prophet und kann die Zukunft nicht voraussagen, aber ich bin zuversichtlich. Natürlich gibt es das Problem der Sprachvermischung, wie in allen zweisprachigen Gebieten Europas. Aber jede lebendige Sprache ändert sich ständig. Wieviele englische Ausdrücke gibt es inzwischen in der deutschen Sprache. Ist Deutsch dadurch bedroht? Nein, die Sprache ändert sich nur

Natürlich kann unsere Stiftung nur Hilfestellung geben. Das Wesentliche kann sie nicht leisten. Das Wesentliche ist, daß die Eltern mit ihren Kindern sorbisch sprechen, daß die Sprache in der Öffentlichkeit angewendet wird, in den Schulen, den Kindergärten, im ganzen öffentlichen Leben. Solange die Menschen in ihrem Alltag die Sprache erhalten, solange ist sie lebendig. Und das stimmt mich zuversichtlich: Viele junge Sorben sind sich sehr bewußt, daß sie diejenigen sind, die über die Zukunft der Sprache entscheiden

Frage: Wenn Sie genügend Geld zur Verfügung hätten, was würden Sie über das, was die Stiftung jetzt tun, hinaus tun wollen?

Rehor: Es müßte viel mehr für die getan werden, die die sorbische Sprache lernen wollen. Dafür gibt es nämlich kaum Hilfsmittel. Ich kenne eine ganze Menge Erwachsener, die Sorbisch lernen würden - meist sind es übrigens diejenigen, die von weiter weg hierher gekommen sind, seltener die, die hier schon halb zweisprachig aufgewachsen sind. Aber gehen Sie mal in einen Buchladen und verlangen einen sorbischen Kassettensprachkurs

Etwas Zweites: Seit einigen Jahren gibt es jeden Morgen eine sorbische Rundfunksendung. Auch im Fernsehen des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) gibt es regelmäßige sorbische Sendungen. Beim Fernsehen des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) gibt es das nicht. Eine Viertelstunde sorbische Nachrichten oder ein sorbisches Sandmännchen für die Kinder - das würde uns sehr helfen

Und schließlich müßte etwas für die Information der Eltern getan werden. Es gibt viele Eltern, die denken: Ein Kind ist überfordert, wenn es zweisprachig aufwächst. Das ist ein großer Irrtum! Es ist ein unheimlicher Vorteil, wenn man von Kindheit an zwei Sprachen beherrscht. Aber viele Eltern entscheiden falsch, wenn es darum geht, in welche Schule oder Klasse ihr Kind gehen soll. Vielleicht ist es ja auch die Angst der deutschsprachigen Mutter, daß sie ihrem Kind dann nicht bei den sorbischen Hausaufgaben helfen kann

Frage: Die meisten Sorben sind Christen, in der Oberlausitz katholisch, in der Niederlausitz evangelisch. Erhalten denn auch die Kirchen Unterstützung durch die Stiftung?

Rehor: Grundsätzlich bekommen die Kirchen kein Geld, denn es ist nicht möglich, staatliche Fördergelder für religiöse Zwecke zu verwenden. Allerdings gewähren wir Hilfen beim Druck von sorbischen Büchern auch mit christlichem Inhalt oder wir unterstützen Veranstaltungen, bei denen die sorbische Kultur gepflegt wird

Frage: Was können die Kirchen ihrerseits tun, um das Anliegen der Stiftung zu unterstützen?

Rehor: Besonders die katholische Kirche hat geschichtlich ein großes Verdienst daran, daß die sorbische Sprache sich erhalten hat. Allerdings sehe ich heute ein Problem: Wenn sich ein Sportverein oder der Gemeinderat trifft, und es ist jemand dabei, der kein Sorbisch spricht, dann wird ganz einfach deutsch gesprochen mit dem Argument: Deutsch können wir alle. Das ist aber ein falsches Argument, wenn man das zum Maßstab macht, kann man Sorbisch überhaupt nicht mehr verwenden. Und dann ist die Sprache gefährdet

Frage: Im Vergleich zu DDR-Zeiten: Geht es den Sorben heute besser?

Rehor: Die DDR-Regierung war mit allem, was sie sagte, sehr groß. Das waren aber nur Lippenbekenntnisse. Natürlich war damals manches unkomplizierter, wenn ich zum Beispiel nur an unseren Verlag oder die sorbischen Schulbücher denke

Sehr geschadet hat uns als Sorben zu DDR-Zeiten, daß wir gespalten waren. Ich als Pfarrer war kein Mitglied der Domowina. Warum? Weil das erste Ziel der Domowina die kommunistische Erziehung war, dann kam eine ganze Weile nichts, dann die sorbische Kultur, und dann irgendwann auch die sorbische Sprache. Andere haben gesagt: Wir machen mit in der Domowina, weil es die einzige Organisation ist, die sich überhaupt für die Sorben einsetzt. Heute ist das anders: Alle, die die Sprache für das nächste Jahrtausend erhalten wollen, sitzen jetzt an einem Tisch, in einer Organisation, der Domowina. Auch wir als katholische Sorben sind nach der Wende mit unserem Cyrill- und MethodiusVerein in die Domowina gegangen. Schließlich ist das unser Dachverband, der schon lange vor der DDR existierte: 1912 gegründet und 1937 von den Nazis sogar verboten

Interview: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 18.04.1999

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