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Der Meister der Tragödie

Jean Racine

Den Höhepunkt der klassischen französischen Bühnendichtung stellen die Komödien Molieres (1622-1673), die Schauspiele Corneilles (1606-1684) und die Tragödien Racines (1639-1699) dar. Im Unterschied zu Corneille, der oft Helden ohne Schwächen darstellt, werden Racines Personen von Leidenschaften bestimmt und ins Verderben getrieben. Die Konflikte entwickeln sich aus dem Inneren der Personen, nicht aus äußeren Ereignissen. Dabei sind die gesellschaftlichen Ordnungen stärker als Liebesverlangen und Glücksanspruch. Im Untergang gelangen die Menschen zur Erkenntnis ihrer selbst. Oft stehen Frauen im Mittelpunkt der Handlung. Dabei hält sich Racine streng an die aus der Antike überkommenen Regeln von der Einheit der Handlung, des Ortes und der Zeit: Eine geschlossene, überschaubare Handlung ereignet sich im Laufe eines Tages an ein und demselben Ort

Racines Meisterwerk ist die 1677 uraufgeführte Tragödie "Phädra" nach einer Vorlage des griechischen Dichters Euripides: Phädra, die Ehefrau von König Theseus, verliebt sich in ihren Stiefsohn Hippolyt, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Einfühlsam gestaltet Racine das Erwachen von Liebe und Sexualität in dem jungen Hippolyt. Er zeigt überzeugend, wie Phädra als reife Frau gegen die Leidenschaft ankämpft, die sie durchaus als unmoralisch empfindet. Als ein Gerücht meldet, Theseus sei gestorben, brechen alle Schutzwälle zusammen, die sie in sich selbst aufgerichtet hat, und sie schleudert dem jungen Mann ihre Liebe entgegen. Hippolyt, der eine andere Frau liebt, ist völlig verstört. Am Ende schließt Theseus, dem innerhalb weniger Stunden Ehefrau und Sohn ums Leben gekommen sind, Frieden mit seinen Feinden und versucht so, Hippolyts Andenken zu ehren

In der schönen Übersetzung von Schiller lauten Theseus Schlußworte: "Kommt, laßt uns nunmehr, da wir unser Unrecht / Ach, nur zu hell erkennen, mit dem Blut / Des lieben Sohnes unsre Tränen mischen! / Kommt, seine teuren Reste zu umfassen / Und unsers Wunsches Wahnsinn abzubüßen! / Wie er's verdiente, soll ihm Ehre werden, / Und kann es seine aufgebrachten Manen / Besänftigen, sie, die er liebte, nehm' ich / Zur Tochter an, was auch ihr Stamm verschuldet."

Jürgen Israel

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 25.04.1999

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