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Aus der Region

Geistliches Ringen um Offenheit tut gut

Erfahrungsbericht

Priesteramtskandidat Dietrich Oettler (23) aus Bischofswerda schreibt für den Tag des Herrn über seine Freisemester:

Mich hat an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt begeistert, wie viele verschiedene Lehrangebote es dort gibt und wie inhaltlich vielfältig sie ausfallen. Dies schließt fachliche Differenzen durchaus ein. Erschreckt hat mich daher anfangs der streitbare Charakter des theologischen Arbeitens dort. Theologie wird oft im Gespräch - oder wissenschaftlich ausgedrückt: im Diskurs betrieben. Nach so einem theologischen Disput hatte ich immer das Gefühl, daß jeder Teilnehmer auf seine Weise recht hat. Unbehagen stellte sich bei mir ein: Wenn Theologie so vielgestaltig ist, wie kann sie dann noch von demselben Gott erzählen? Es ist offenbar gar nicht so einfach, Gott in allen Dingen zu finden, wie ich es sonst im Gespräch mit anderen öfter vertreten hatte. Es erfordert eine Menge Offenheit und innere Kraft, in der Theologie und noch vielmehr im christlichen Alltag nicht aufzugeben, sondern "am Ball zu bleiben"

Woher diese Kraft nehmen? In St. Georgen lernte ich die ignatianische Spiritualität kennen und schätzen. Oft wurden in den Vorlesungen die "Geistlichen Übungen" des Ignatius zitiert. Das faszinierte mich. Ich hatte den Eindruck, daß die Professoren selbst geistlich darum ringen, gegenüber anderen Lehrmeinungen wirklich offen zu sein. ... Ich glaube, es gibt dabei zwei Versuchungen: Die erste besteht darin, sich einer anderen (Lehr-)Meinung, einer anderen Weltsicht, einem anderen Menschen zu verschließen aus Furcht vor der Herausforderung, sich der Wirklichkeit stellen zu müssen. Die zweite Versuchung ist wohl, auf eine eigene Meinung, eine eigene Weltsicht zu verzichten, ja sogar die eigene Identität mit sich selbst nicht mehr zu suchen und sich anzupassen an das, was von außen an mich herangetragen wird. Ich glaube auch, daß es heute nicht immer zutreffend ist, wenn in der Kirche von konservativ oder progressiv, von rechts oder links, gesprochen wird. Gibt es hier nicht oft eine Tendenz zu "schubladisieren"? Beinhaltet das eine nicht ein Sich-Abschließen und Sich-Einigeln vor der Wirklichkeit, die als zu vielfältig und zu plural empfunden wird? Trägt das andere nicht eine Beliebigkeit in sich, die sich leicht tut, Meinungen, Weltsichten, vielleicht auch Menschen aufzugeben, aber nicht bereit ist, sich festzulegen auf das Eigene? Dabei habe ich nichts gegen einen Konservativismus, der etwas zu bewahren (conservare) sucht, sondern gegen eine reaktionäre Haltung, die sich nach außen abschließt. Ich habe auch nichts gegen einen Progressivismus, der etwas vorantreiben möchte (progredi), sondern gegen einen Relativismus, der sich nicht mehr festlegt. Hier gilt es, einen geistlichen Kampf um Offenheit gegenüber den Dingen aufzunehmen! Das habe ich in St. Georgen gelernt. Ich glaube, damit auch etwas fürs Leben gelernt zu haben. Offenheit ist nicht nur in der Theologie ein Problem. Im täglichen Leben gilt es, darum zu ringen, darum zu beten. ..

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 25.04.1999

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