Kreativ mit der Endlichkeit umgehen
Schöpfung
Erfurt (ck) - Bei einer Diskussionsveranstaltung des Katholischen Forums auf dem Domberg in Erfurt widersprach der Erfurter Moraltheologe Professor Josef Römelt der verbreiteten These, daß das abendländische christliche Menschenbild der Urgrund der heutigen ökologischen Krise sei
Zumindest wenn man historisch argumentiere, könne man diese These nicht aufrecht erhalten, sagte Römelt bei der Veranstaltung zur ökumenischen Woche für das Leben unter dem Thema "Gottes Erde - Zum Wohnen gemacht - Unsere Verantwortung für die Schöpfung". Auch die kommunistischen Gesellschaftssysteme, die das Christentum als irrational und als ausgemachten Feind der Moderne und Technik verstanden, hätten schließlich die selben und teilweise schlimmere ökologische Probleme gehabt als dies in den rein kapitalistischen Gesellschaften der Fall sei. Der christliche Schöpfungsbericht setze den Menschen vielmehr frei, mit der Welt schöpferisch und verantwortlich umzugehen. Aus einer romantischen Vorstellung heraus wolle man die Natur und die Umwelt heute wieder zur unberührten göttlichen Schöpfung machen, stellte Römelt fest. Der Mensch und die Natur stünden in einer bleibenden Spannung, die es vernünftig auszutarieren gelte. Man müsse eine Balance zwischen der Ehrfurcht vor der Natur, der Idee der Verantwortung für die Schöpfung und den Gesetzen der modernen Welt mit ihrer Technik finden. Dazu sei es nicht nur wichtig, ökonomische Strukturen zu verändern. Wichtig sei auch eine sorgfältige Umwelterziehung, die nicht zuletzt in den kirchlichen Gemeinden stattfinden sollte. Römelts Diskussionspartner waren der Vizepräsident des Verbandes der Wirtschaft Thüringens, Edwin Veit, der Jenaer Evolutionsbiologe Dr. Dietrich von Knorre, und Stephan Illert, Staatssekrektär im Thüringer Umweltministerium. Veit warnte in der Umweltdiskussion vor einem Schwarz-Weiß-Denken. Der Egoismus einzelner Gruppen, der die Diskussion beherrsche, stelle ein Haupthindernis für eine konstruktive und vernünftige Umweltpolitik dar
Mit Josef Römelt war er sich einig, daß es keinen Rückschritt in eine von Menschenhand unberührte Schöpfung geben könnte. Deutschland sei heute schon das Land mit den höchsten Umweltauflagen, den höchsten Steuern und Löhnen, dies könne man sich auf Dauer nicht leisten. Es gelte heute, einen vernünftigen Dreiklang zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung herzustellen. Die Kirchen, so Veit, müßten hier die gesellschaftliche Mittlerrolle übernehmen, denn es mangele vor allem an einer sachlichen und nicht emotional geführten Diskussion
Staatssekretär Illert vertrat die Ansicht, daß jahrhundertelang die Genesis auf den Satz "Macht euch die Erde untertan" reduziert worden sei. Die Realität sei daher vom Staatsziel der Verwirklichung des Umweltschutzes weit entfernt. Umweltpolitik droht zur Politik mit der Angst zu verkommen
Wenn auch jeder seinen eigenen Zugang zum Thema hatte, so waren sich in der Diskussion alle Teilnehmer einig, daß es keine Wiederbelebung von Werten und Zuständen der voremanzipatorischen Zeit geben könne. Professor Römelt mahnte deshalb an, das Umgehen mit der Endlichkeit als einen Akt der Kreativität zu verstehen. Der Wert der Freiheit müsse von innen heraus als eigener Auftrag begrüßt werden, der sich den heutigen Herausforderungen zu stellen
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 30.05.1999