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Aus der Region

Katholische Kirche in der DDR

Buchbesprechung

"Auf mich wartet auch einmal ein Hochhuth," so Kardinal Bengsch Ende der 60er Jahren nachdenklich zu einem engen Mitarbeiter. Die Wogen heftiger Polemik gegen die Bischöfe in der NS-Zeit waren in der westdeutschen Medienlandschaft hochgeschlagen, nachdem das Schauspiel "Der Stellvertreter" Pius XII. und den deutschen Episkopat auf die Anklagebank der Geschichte gesetzt hatte. Bengsch rechnete irgendwann mit ähnlichen Schuldzuweisungen. Denn wo waren seine offenen Worte gegen die Schüsse an der Mauer? Hätte er nicht die permanente Verletzung der Menschenrechte anprangern müssen? Warum hat er zur parteilichen Justiz im SED-Staat öffentlich geschwiegen, zumal es leicht gewesen wäre, vor ein Westberliner Mikrofon zu treten?

Die in Kiel lebende Historikerin Ute Haese will sicher nicht in Hochhuths Fußstapfen treten, zieht aber gewisse Parallelen zwischen den katholischen Bischöfen in der NS-Herrschaft und denen in den Jahren der ehemaligen DDR. Ihre Grundthese: Die Bischöfe hätten im Dritten Reich aus Gründen des Selbsterhalts "nach Kirchenräson" gehandelt. Auf diese Weise hätte die Kirche die braune Diktatur "moralisch und organisatorisch" ohne nennenswerte Einbrüche überstanden. Eine Ausnahme von diesem kirchenpolitischen Kurs stellten nur Galens historische Predigten 1941 dar

Dieses "Handeln nach Kirchenräson" sei "ohne Abstriche" auch auf das Verhalten der Bischöfe in der DDR "übertragbar". Der Episkopat habe sich zu DDR-Zeiten nur öffentlich zu Wort gemeldet, wenn vitale Positionen des Christseins oder die Gewissensfreiheit der Gläubigen berührt wurden

Abgesehen davon, dass diese gewagte Parallele in den Amtszeiten der Kardinäle Preysing und Döpfner an zahlreichen Fakten vorbeigeht, wird sie auch dem kirchenpolitischen Kurs der Kardinäle Bengsch und Meisner schwerlich gerecht. Es trifft zu, dass sich der neu ernannte Berliner Bischof Bengsch 1961 aus Gewissensgründen dazu entschieden hat, politische Abstinenz zu üben, um dafür die verfassungsmäßig zugestandenen Räume der Pastoral und Diakonie optimal und möglichst geräuschlos auszufüllen. Das schloss ein, keine Kontakte zu politischen Parteien zu unterhalten, sondern nur zu staatlichen Stellen, einschließlich des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Der von Döpfner bekräftigte Preysing-Erlass von 1947, der politische Stellungnahmen kirchlicher Mitarbeiter untersagte, blieb auch bei ihm und in der Folgezeit bis zur Wende in Kraft

Haese kann - gestützt auf umfangreiches Quellenmaterial kirchlicher und staatlicher Archive - nachweisen, dass dieser kirchenpolitische Kurs bei Priestern und Laien nicht unumstritten und konfliktlos war. Sie verschweigt auch nicht, dass sogar ein Mitglied der Berliner Bischofskonferenz Alleingänge für verantwortbar gehalten hat. Laiengruppierungen wie der "Aktionskreis Halle" haben sich dem "Berolinismus", der kirchenpolitischen Steuerung aus der Spreemetropole, widersetzt. Nicht zuletzt wollten sie der Gefahr der Ghettoisierung und dem Nischen-Dasein begegnen

Man mag das Reden und Schweigen der Bischöfe zu DDR-Zeiten heute als Handeln aus einer "Wagenburg-Mentalität" bewerten und in Einzelfällen auch als unzulänglich ansehen, besonders in den letzten Monaten vor der Wende. Aber es darf nicht vergessen werden, dass der Grundsatz der politischen Abstinenz wohl auch dazu beigetragen hat, einen Kirchenkampf nach CSSR-Modell zu vermeiden und darüber hinaus die Vereinnahmung der Kirche durch den Staat zu verhindern. Schließlich wäre die Wahrung der Einheit des Bistums Berlin mit allen positiven Konsequenzen für die Gemeinden in allen Jurisdiktionsbezirken der ehemaligen DDR auf einem anderen Weg schwerlich gelungen. Zur jahrzehntelangen Gratwanderung in "kritischer Loyalität" (so Martin Höllen) dürfte es aus damaliger Sicht keine verantwortbare Alternative gegeben haben.

Wolfgang Knauft

Ute Haese: Katholische Kirche in der DDR. Geschichte einer politischen Abstinenz, Patmos-Verlag 1998, ISBN 3491723817, 49,80 Mark.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 08.08.1999

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