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Aus der Region

80 Jahre Katholische Studentengemeinde Leipzig

Jubiläum

Prof. Tiefensee und Pater Knüfer Rappelvoll ist es im Saal der Leipziger Propsteigemeinde. Stimmengewirr, Stühlerücken. Schnell werden Fotos weggeräumt, die Tassen in die Küche gebracht, Adressbücher in die Tasche geräumt. Plötzlich ist es still. Still wie jeden Dienstagabend, wenn ein Referent, der aus Politik, Kunst oder Wissenschaft in die katholische Studentengemeinde (KSG) eingeladen wurde, einen Vortrag hält. Diesmal ist es ein Pfarrer, er spricht über "Christlicher Glauben in ungewisser Zukunft". Und diesmal ist die Gemeinde besonders groß: 250 Frauen und Männer zwischen 25 und 70 Jahren lauschen dem Vortrag

Anlass ist die Geburtstagsfeier ihrer Studentengemeinde: Sie wird in diesen Tagen 80 Jahre alt. Für die meisten ist es lange her, dass sie sich hier als Studenten trafen. Für Roland Antkowiak, den ältesten der anwesenden Absolventen liegen mittlerweile über 50 Jahre dazwischen. "Die Bedingungen waren damals äußerst schlecht", erinnert er sich. Allein die Situation an der Universität, die in Leipzig erst 1946 wieder eröffnet wurde: Der Weg zu den Vorlesungen -überall Trümmer. Die Fenster in den Hörsälen - teilweise nur mit Pappe verkleidet. "Im Winter saßen wir dort mit Handschuhen, Mänteln und Petroleumlampen."

Die KSG wird nach dem Krieg

zu einem wichtigen Anlauf-

punkt für viele Studenten. Die Zahl der Studierenden, die zu den offenen Abenden kommen, steigt rasant: Zehn sind es Anfang 1946, am Ende des Jahres sind es 80

Aus diesem Kreis wächst schnell eine große Gemeinschaft. 400 eingetragene Mitglieder zählt die KSG 1947. Antkowiak wird Sprecher in der KSG, organisiert Themenabende und kümmert sich um ganz existentielle Dinge. "Als wir in den Schwarzwald fuhren, bekamen wir von der dortigen Studentengemeinde 100 Bleistifte geschenkt. Das war ein Schatz, aber wir benötigten die Stifte weniger dringend als warme Räume. So tauschte ich sie im Braunkohletagebau Labusch gegen zehn Zentner Briketts. Damit konnten wir unseren Raum den ganzen Winter beheizen."

Die soziale Not ist groß. Deshalb engagieren sich die Studenten beim Bahnhofsdienst, kochen für die heimkehrenden Flüchtlinge Tee, schmieren Brote. Auch ihnen selbst wird Hilfe zuteil: durch ihren Studentenpfarrer Dr. Wolfgang Becker. Um Geld und Lebensmittelspenden zu erhalten, hält er "Bettelpredigten" und schreibt "Bettelbriefe". Die Leipziger Studentengemeinde wird zu dieser Zeit durch die Denkweise und den auf familienhaftes Gemeindeleben orientierten Stil des Oratorianers geprägt. Becker selbst, seit 1938 Studentenpfarrer, musste während der Naziherrschaft untertauchen, weil seine Tante eine Jüdin versteckte; 1943 meldete er sich zur Luftwaffe. Nach dem Krieg nahm er seine Tätigkeit als Studentenpfarrer wieder auf, blieb es bis 1961. Unter ihm gewinnen die Themenabende, zu denen Vertreter aus der Universität eingeladen werden, an Bedeutung

Immer mehr entwickelt sich die Universität in den 50er Jahren durch den stalinistischen Kurs der Regierung zu einem ideologischen Propagandazentrum. Andere philosophische Denkrichtungen werden als "spätbürgerlich" verleumdet und verbannt, der christliche Glauben gilt als Aberglaube - Christen sind Anfang der fünfziger Jahre öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. Exmatrikulationen, auch Verhaftungen erfolgen, die Flucht nach Westdeutschland sehen einige als einzigen Ausweg. Die KSG zieht sich unter das Dach der Kirche zurück und wird für viele Studenten zur geistigen Oase, zum Beispiel für Dr. Gerhard Reichel. Er kam 1954 zur KSG - auf Empfehlung seines Lehrers Antkowiak. "Hier eröffnete sich mir ein neuer Horizont. Die Themenabende und Gespräche bildeten ein Gegengewicht zum Marxismus-Leninismus-Studium, das gerade Pflichtfach wurde. Es wurde oft heiß diskutiert. Daneben haben sich natürlich auch eine ganze Menge persönlicher Beziehungen entwickelt." Und sein Freund Gerhard Walter ergänzt: "Für mich war die KSG vor allem ein Ort, wo ich mich bilden konnte. Ich kam 1957 an die Universität Leipzig, war damals einer der wenigen Geisteswissenschaftler. Ich habe erlebt, wie die Universität langsam verödete, Professoren weggingen und alles auf die marxistisch-leninstische Schiene einschwenkte. In der Studentengemeinde wurde auch über Literatur, Philosophie und Kunst gesprochen. Außerdem war es eine ganz besondere Art von Gottesdienst, die man hier erleben konnte."

Friedrich Reppelmund, ein in dieser Zeit aktiver KSGler, erzählt von der neuen liturgischen Bewegung, der Freundschaft Werner Beckers zum Philosophen Ernst Bloch und der Wandervogelbewegung - Themen der KSG damals

Ende der 50er Jahre schlägt die

Regierung eine neue Taktik ein:

Die Studentengemeinde wird nicht mehr öffentlich angegriffen - Christen werden jetzt persönlich angesprochen, an ihr Gewissen appelliert. Exmatrikulationen erfolgen eher "indirekt". Anfang der 60er Jahre hofft man einer noch, dass die DDR nicht ewig bestehen wird. Aber dieser Traum wird mit dem Bau der Mauer 1961 zerstört. 1961 ist das Jahr, in dem Dr. Wolfgang Trilling Studentenpfarrer wird. 1964 schreibt er in einem Aufsatz, er sehe erste Ermüdungserscheinungen seitens der Kirche. Die Parole heißt damals "Überwintern, Durchhalten"

Die Studierenden, die nicht nach Westdeutschland flüchten, sondern hier bleiben wollen, setzen sich in den 60er Jahren verstärkt mit dem eigenen Christsein auseinander - unter realsozialistischen Bedingungen. Ein Teil der KSG beginnt sich zu politisieren. "Wir waren der Auffassung, dass wir als Christen die Aufgabe haben, über gesellschaftliche Fragen nachzudenken, wach zu sein. Die Gemeinde sollte Impulse geben und die damals geschlossene Gesellschaft über die Entwicklungen in der DDR informieren", berichtet Wolfgang Barthel (1969 - 1974 Assistent in der KSG). Wichtig werden die Verbindungen zu den Partnergemeinden Heidelberg, Freiburg und Essen sowie die Begegnungen während der Leipziger Messe, unter anderem mit den Schriftstellern Heinrich Böll und Reiner Kunze. Die Studentenbewegung in Westdeutschland erreicht zu dieser Zeit ihren Höhepunkt, sie hinterlässt auch Spuren im Osten

Eine bewegende Zeit ist es damals: Das Zweite Vatikanische Konzil sorgt für Bewegung in der Kirche, die Verfassungsabstimmung in der DDR sowie der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 in Prag wühlen die Bevölkerung auf. Dazu kommt in Leipzig die Sprengung der Universitätskirche. Die katholischen Studenten legen nicht die Hände in den Schoß: Sie leis-ten politischen Widerstand. Barthel: "Bereits vor der legendären Abstimmung der Leipziger Stadtverordnetenversammlung schrieben die Studenten einen Brief in der Hoffnung, dass die Entscheidung zur Sprengung rückgängig gemacht wird - ohne Erfolg. Die KSG war bei der großen Demonstration und den Mahnwachen dabei, bei denen die Bereitschaftspolizei immer wieder eingriff... Alles ohne Erfolg."

Anlässlich der Verfassungsabstimmung schreiben Barthel und andere Flugblätter, die sie in die Telefonzellen heften: "Ja oder nein - aber entscheiden Sie nach Ihrem Gewissen." Einige KSGler werden deshalb verhaftet. Der Staatssicherheit sind diese Aktivitäten ein Dorn im Auge. Auch Barthel erfährt Repressalien. Nur durch innerkirchliche Solidarität behält er seine Assistentenstelle. Aber auch die Kirchen warnen vor zu viel politischen Aktionismus

Aufgrund des starken staatlichen

Drucks und der Warnungen sei-

tens der Kirche zieht sich die KSG in den 70er Jahren in politischer Hinsicht zurück. Um religiöse und psychoanalytische Fragen geht es in den Vorträgen. Die KSG wird als "alternative Gemeinschaft" gesehen. Demokratie und Mitverantwortung des Einzelnen gewinnen an Bedeutung. Über die Themenabende wird abgestimmt - eine "Schule der Demokratie". Offen und dialogisch ist die Atmosphäre. Studentenpfarrer ist Wolfgang Luckhaupt, liebevoll "Lucky" genannt. 1982 wird er Pfarrer in Dresden, 1987 stirbt er bei einem Verkehrsunfall

Anfang der 80er Jahre - sensibilisiert für die Friedensproblematik - intensivieren die Studenten die Kontakte zur evangelischen Studentengemeinde. Ökumene ist bis heute wichtig geblieben. Bei den Ereignisse im Herbst 1989 ist die KSG als Gemeinde eher weniger aktiv (siehe Interview Seite 18)

1991 übernimmt Bernd Knüfer das Amt des Studentenpfarrers. Für ihn ist die Situation doppelt schwierig: Zum einen wird gerade die Universität völlig umstrukturiert. Zum anderen kommt er aus Würzburg, bringt ein völlig anderes Verständnis von Studentengemeinde mit. In Westdeutschland sind die Hochschulgemeinden in der Regel auf einen loseren Zusammenhalt und mehr auf einen Informations- und Interessenaustausch ausgerichtet. "Es war nicht einfach", sagt Knüfer heute. "Als ich anfing, lebten viele Studenten noch im alten Trott, wehrten sich mitzuwachsen. Aber die KSG ist sehr schnelllebig, bald kamen viele neue Studenten. Für sie galt es eine Heimat zu schaffen, denn es herrschte viel Unsicherheit, und die Universität wurde immer anonymer."

Eine Heimat sein, den christlichen

Glauben gemeinsam zu leben

und sich darüber auszutauschen - das sind wichtige Aufgaben der Studentengemeinde heute. Darüber hinaus muss sich die Gemeinde jedoch auch den Bedingungen der offenen Gesellschaft stellen, ist eine studentische Einrichtung neben vielen. Das weiß auch der jetzige Studentenpfarrer Andreas Reichwein: "Wir versuchen, aus dem Dach der Kirche hinauszutreten, unter das wir zu DDR-Zeiten gedrängt wurden. Perspektivisch wollen wir auch als Hochschulgemeinde an der Universität sein. Es gab schon die Überlegung, einen Vertreter in den StudentInnenrat zu schicken. Die KSG soll heute vor allem eine Plattform sein, wo Studierende miteinander in Kontakt kommen können - christliche und nichtchristliche, deutsche und ausländische." Die Arbeit für und mit Menschen aus anderen Ländern wird groß geschrieben. Das Studienbegleitprogramm für ausländische Studierende (STUBE), die Zusammenarbeit mit dem Referat für ausländische Studierende und dem Akademischen Auslandsamt an der Universität zählen ebenso dazu wie der Deutschunterricht für Asylbewerber und das multikulturelle, bunte Gemeindeleben der KSG

"Warum ich in die KSG komme?" Zacharie Vissiennon aus Benin lächelt. "Weil ich erstens Christ bin und hier eine christliche Gemeinde gefunden habe. Zweitens, weil mir die KSG ein Stück Geborgenheit gab, als ich neu in dieser Stadt war. Und drittens, weil ich hier Freunde fand, die mir sehr wichtig geworden sind." All diese Gründe kommen den meisten hier im Gemeindesaal sehr bekannt vor. Claudia Breitkopf

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 28.11.1999

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