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Auf zwei Minuten

Nachdenken über die Rache I

Pater Damian

Pater Damian MeyerNeben vielen Romanen haben vor allem amerikanische Filme und asiatische Schwertergeschichten ein Lieblingsthema, das in unzähligen Variationen wiederholt wird: Das Thema "Rache". Zum Beispiel: Ein kleiner Junge erlebt, wie seine Eltern von einer Verbrecherbande überfallen und getötet werden. Durch einen glücklichen Zufall entgeht er dem Tode. Jetzt setzt er sich das Lebensziel, seine Eltern zu rächen ... Sie wissen schon, wie es weitergeht: Eines Tages nimmt der "Held" des Films die Justiz selbst in die Hand und stellt - so jedenfalls nach seiner eigenen Ansicht - die Gerechtigkeit wieder her.

Entsprechend geht es zu, wenn eine Sippe, ein Clan oder eine ganze Volksgruppe Blutrache übt, wie es im Kosovo und in anderen Krisengebieten immer wieder geschieht. Aber ist die Blutrache nicht auch nach der Bibel gestattet? Ja, aber unter ganz bestimmten Bedingungen. Da es im alten Israel keine zentrale Gerichtsinstitution gab, fiel es bei Mord und Totschlag der geschädigten Sippe zu, die Tat durch Tötung des Täters zu ahnden. Es handelt sich dabei nicht um wilde und willkürliche Racheakte, sondern es war gesetzlich geregelt, damit die Vergeltung nicht maßlos wird: "Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme" (vgl. Ex 21, 24-25).

Später, im fünften Jahrhundert v. Chr., wurde die Sippenhaft verboten: "Väter sollen nicht für ihre Söhne und Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden. Jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen mit dem Tod bestraft werden" (Dt 24,16). Haben wir Menschen des 20. Jahrhunderts Grund, herablassend über die Vorschriften der Bibel zu lächeln? Was ist humaner und fort schrittlicher: Sich strikt an das Vergeltungsgesetz "Auge für Auge" zu halten oder ganze Völkergruppen zu vernichten?

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 09.04.2000

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