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Aus der Region

Der Schatz der kilikischen Armenier

Ausstellung in Halle

Das heilige Ölgefäß der kilikischen ArmenierNicht nur der Schatz, auch wir selbst sind gerettet aus Kilikien" sagte Aram I., armenischer Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, am 2. September bei der Ausstellungseröffnung in der halleschen Moritzburg. Dass es bei dieser Armenien-Schau um viel mehr geht als um dekorative Wertgegenstände, wurde überdeutlich bei dem festlichen Ereignis, das die reiche Kultur eines in Massakern, Völkermord und Vertreibung nahezu vernichteten Volkes in den Mittelpunkt rückte. "Wir sind ein Volk der Auferstehung", bezeugte Aram I., einer der beiden führenden Geistlichen der armenisch-apostolischen Kirche, der ältesten Volkskirche der Welt. Die Kraft, in die Zukunft zu blicken und weiterhin schöpferisch tätig zu sein, sei den Überlebenden des außergewöhnlich kreativen Volkes aus der Hoffnung ihrer christlichen Kreuzes-Spiritualität erwachsen. An vielen Orten der weltweiten Diaspora und der Republik Armenien führen Armenier die kulturelle Tradition fort. Der gerettete Schatz der Armenier aus Kilikien ist für sie Ausdruck einer lebenden Kultur und ein Symbol der Zukunftshoffnung.

Seit 1998 haben die jahrzehntelang verborgen gehaltenen Kostbarkeiten ihren Platz in einem eigens errichteten Museum in der libanesischen Stadt Antelias gefunden. Das Gefäß für das heilige Myron-Öl, die Armreliquiare und zahlreiche andere Kultgegenstände des Schatzes kommen aber noch heute zu hohen Festen in der Liturgie zum Einsatz. Antelias ist seit 1930 das geistliche Zentrum der kilikischen Armenier. Bis zum Genocid 1915 war dies in der Sophienkathedrale der alten armenischen Königsstadt Sis.

Der evangelische Theologe Professor Hermann Goltz, der an der halleschen Universität ein Zentrum für armenische Studien errichtet hat und die Ausstellung in der Galerie Moritzburg initiierte, hat den spannenden Augenzeugenbericht des armenischen Bischofs Chad Adschapahjan von der Rettung des Schatzes ins Deutsche übersetzt. Bei der Eröffnung der Ausstellung erzählte er, wie die Mönche des Klosters Sis den Schatz in einem dreiwöchigen Treck auf Ochsen- und Eselskarren nach Aleppo gebracht haben, wo er über Jahre verborgen blieb.

Der Klosterkarawane widerfuhr auf ihrem gefährlichen Weg eine Kette von Unglücken. Bereits am Stadtrand von Sis stürzte das heilige Myron-Öl vom Wagen und versickerte im Sand. Beim Übersetzen riss auf dem Fluss Ceyhan ein Seil am Floß und mehrere Kisten mit den Schätzen versanken im vier bis fünf Meter tiefen Wasser. Junge Armenier, ebenfalls auf der Flucht, tauchten auf den Grund und retteten unter anderem den reich verzierten silbernen Kasten mit den Armreliquiaren Gregor des Erleuchters und der Heiligen Silvester und Nikolaus. "Es ist nicht ein Schatz, der so prächtig daherkommt wie eine königliche Schatzkammer", sagte Hermann Goltz über die Sammlung, die bis zum 12. November in Halle zu sehen sind. "Es ist ein Schatz, dem man seine Geschichte ansieht. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem glatten, schönen Gesicht des unverdient Glücklichen und dem durchfurchten und verletzten des vom Schicksal hart Geschlagenen."

Eines der ältesten Werke des Schatzes ist das edelsteinbesetzte Bardzrberd-Evangeliar von 1248/54. Einen ausgesprochen reichen Schmuck weisen auch die liturgischen Gewänder, die Bischofsmitren, ja sogar die liturgischen Sandalen auf. Neben diesen kostbaren Stücken gehören Kreuzreliquiare, Kelche, Prozessionskreuze, Weihrauchgefäße und Katholikosstäbe zum Schatz der Armenier. Auch Steine mit der Darstellung eines ornamentalen Kreuzes als Lebensbaum, das eigentliche Symbol armenischen Christentums, sind in der Ausstellung zu sehen. Etwas Besonderes ist die Sammlung feinster Miniaturkopien, die Karekin I. Howsepianz, einst Theologiestudent in Halle und Leipzig, anlegte. Sie zeugt von der Blüte der armenischen Miniaturmalerei.

Ein Begleitbuch der Ausstellung stellt nicht nur die Exponate vor, es gibt vor allem Einblicke in die armenische Tradition und Liturgie, ergänzt um bisher unbekannte Fotos aus dem Archiv des Katholikosats in Antelias und unveröffentliche Dokumente aus dem Johannes-Lepsius-Archiv in Halle, die Franz Werfel als Quellen für seinen Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" dienten.

Dorothee Wanzek

Hermann Goltz: Der gerettete Schatz der Armenier aus Kilikien: Sakrale Kunst aus dem Kilikia-Museum Antelias, Verlag Reichert, ISBN 3-89500-194-5, 78 Mark.

Die Ausstellung ist geöffnet: Di 11 bis 20.30 Uhr, Mi bis So 10 bis 18 Uhr.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 37 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 10.09.2000

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