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Bistum Dresden-Meißen

Stationen im Leben eines Gemeindereferenden

Wurzen

Gemeindereferent Michael PfeiferWurzen (jak) - Auslandserfahrungen sind in vielen Berufen von Nutzen. Und wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so scheint: Auch im Beruf des Gemeindereferenten. Michael Pfeifer aus Wurzen ist jedenfalls froh, vor seinem zurückliegenden Stellenwechsel von Borna nach Wurzen zehn Monate in Südafrika verbracht zu haben. Dabei dachte er über lange Jahre nicht daran, einen solchen Schritt zu tun. Erst 1996 erwachte ein Interesse dafür. Südafrika geriet in sein Blickfeld, als er bei einem Besuch beim Leipziger Oratorianer Eberhard Kirsch einen Schweizer Priester - Christoph Schoenenberger - kennenlernte, der seit elf Jahren in diesem Land arbeitet und lebt.

Am Ende des halbstündigen Gespräches sagte der Priester "Besuch uns doch mal", und Michael Pfeifer antwortet: "Ja. Ich meine es ernst damit!" Und so machte er sich schließlich auf den Weg, nur mit der Telefonnummer von Christoph Schoenenberger in der Hand. Südafrika und seine vielen Völker hat Michael Pfeifer in den zehn Monaten lieben gelernt.

Bei der Arbeit kam ihm seine Ausbildung zum Gemeindereferenten - von 1992 bis 1995 in Magdeburg - sehr zugute. So lernte er die Kirche im Land am Kap kennen und war selbst für die dort lebenden Menschen da - im Projekt des Schweizers Christoph Schoenenberger. Dieser gründete etwas außerhalb von Johannesburg das Jugendhaus "Ha Phororo" - zu Deutsch Ort des Wasserfalls. Der Name steht symbolisch für Bewegung und in die Tiefe gehen. Dort fand Michael Pfeifer ein Zuhause, von hier aus suchte er die Menschen auf, um mit ihnen den Glauben zu teilen. Dies jedoch war gerade am Anfang nicht so leicht, zwar beherrscht er die englische Sprache, doch es war schon eine große Umstellung in Englisch auch zu denken, zu beten, zu glauben !

In seinem ersten Brief nach Deutschland schrieb Michael Pfeifer über das Leben in Ha Phororo: "Was wir hier tun, ist der Versuch, Jugendlichen und Erwachsenen etwas zu bieten, was keiner sucht: Stille. Wir machen auch Einkehrtage und Camps für Gruppen aus den Townships, in denen wir auch ein Minimum an Gartenbau (= Überleben) zu vermitteln suchen. Oder wir machen Einkehrtage für private Colleges um den 14- bis 18-jährigen Kindern der Oberschichten zu erschließen, was auch in Deutschland zur Förderung persönlicher Reife in den Religions-Lehrplänen auftaucht; doch fast immer mit Schweigen und Hören verbunden."

Ein besonders gutes Beispiel war für den Gemeindereferenten der Einkehrtag einer Abi-Jungenklasse im Christian Brothers College. Unter der Überschrift "Riskieren" gingen die Jungen und Michael Pfeifer in ein Heim für körperlich und geistig behinderte Kinder. Michael Pfeifer erinnert sich: "Die 18-jährigen Jungs haben sich anfassen lassen, die Kinder auf die Arme genommen, mit ihnen gespielt - da schienen einmal kurz alle Grenzen gesprengt. Schwarz und Weiß, arm und reich, zukünftige Macht und Ohnmacht, gesund und krank, Geschlechterrollen ... wenn davon nur eine Spur in den Jugendlichen zurückbleibt."

"Neben den vielen positiven Erlebnissen wurde der junge Deutsche auch mit den Umbrüchen und inneren Problemen Südafrikas konfrontiert. Große Armut in den Townships, Menschen, die scheinbar niemand mehr braucht. Damit verbunden ist oft Kriminalität und Gewalt, auch wenn sie das moderne Südafrika nicht durchgehend prägen. Dennoch an dieser Stelle ein Schlaglicht, das die Problematik unterstreicht. Tumelo Mokhezi (40) aus Soweto sagte einmal: "Weißt du, ich lasse meist auch nachts das Radio an. Besser schöne Musik als das Geschrei und die Schüsse zu hören ..."

Michael Pfeifer betont, dass es für Südafrika besonders wichtig ist, die Kreativität der Menschen anzuregen und zu fördern - eine Aufgabe der sich auch die Mitarbeiter der Kirche verschrieben haben. Nur so sei ein dauerhafter Weg aus der Armut möglich. Denn Armut heißt oft nicht nur Mangel an Geld. Wenn die elementarsten Fähigkeiten fehlen - nicht entwickelt und gelernt wurden - gibt es nie einen Weg aus dem Elend. "Armut", so Michael Pfeifer, "kann nicht nur den Hungertod sondern auch den Geistestod bringen."

Großen Zuspruch hat so auch die Jugendarbeit, die vom Projekt Ha Phororo ausgeht, obwohl es oft Neuland ist, das betreten wird. Eine Jugendseelsorge wie in Deutschland gibt es in den südafrikanischen Bistümern nicht. Es gibt aber auch keine staatlichen oder kommunalen Alternativen. So bleibt noch viel zu tun für die verschiedenen Völker Südafrikas, die sich auf dem Weg befinden eine Nation zu werden. Michael Pfeifer ist zuversichtlich, dass es den Zulus, Indern und chinesischen Südafrikanern, aber auch den aus England, Portugal, Deutschland oder Holland stammenden Weißen gelingen wird. Traurig machte den Mann aus Deutschland die Entscheidung, die Fußball-Weltmeisterschaft nicht in Südafrika sondern zum zweiten Mal in der Bundesrepublik Deutschland durchführen zu lassen. "Das wäre ein Ereignis gewesen, das der südafrikanischen Nation einen besonderen Schub nach vorne gegegben hätte", meint Michael Pfeifer.

Heute lebt der aus Leipzig-Gohlis stammende Gemeinderefernet wieder in Sachsen. In Wurzen trat er seine neue Stelle an und auch in Oschatz ist er tätig. Die Erfahrungen aus Südafrika lassen ihn oft mit einem anderen Blickwinkel an die Aufgaben herangehen. "Was ich mir wünsche ist eine wache Gelassenheit", betont er. Die Christen sollten ohne Aufregung und Angst auf das schauen, was in der Gesellschaft geschieht und dabei auch akzeptieren, dass sie weniger werden, dass Menschen andere Wege bevorzugen.

Dabei ist das Zuhören für Michael Pfeifer besonders wichtig - der Andere sollte aussprechen können, dann erst sei Platz auch den eigenen Standpunkt in die Diskussion zu bringen - so könne man auf Dauer mehr erreichen als sich schon vorauseilend immer nur zu verteidigen.

Michael Pfeifer: "Eine Verteidigungshaltung brauchen wir gar nicht, wenn wir es anders machen. Dann sehen die Menschen selbst, dass die Klischees nicht zutreffen. Zudem komme es immer wieder darauf an, sich auch selbst Fragen zu stellen, "die eigene Gegenwart zu meditieren". Fragen beispielsweise wie: "Was macht die Scheiben unserer Kirche so trübe, dass es für andere so schwierig ist, Gott in unseren Gemeinden und Gottesdiensten zu finden? Wir Christen sollten daher innehalten und eine Haltung des ,Schweigens und Hörens' entwickeln, wo es um unangenehme Kritik geht. Das geht sicher auch neben dem wichtigen aktiven und kreativen Gemeindeleben."

Es ist schwer ein abschließendes Fazit des Afrikaaufenthaltes von Michael Pfeifer zu ziehen. Vielleicht gibt es eine Stelle aus seinen Briefen in die Heimat am Besten wieder: "Afrika, so habe ich von ehemaligen Europäern gehört, geht ,ins Blut', und man wird diesen Kontinent im Leben nicht mehr los. Ja, man wird es wahrscheinlich nicht - und wenn ich mich auf dem Boden langstrecke und den afrikanischen Sängerinnen und Chören lausche, erlebe ich Eintauchen und Vereinigung. Es ist nicht eine Art von Kunstfertigkeit, die zuinnerst wirkt in diesen Liedern; es ist Lebenspuls, etwas intimes, das so offenliegt ..."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 01.10.2000

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