Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!

Die große Welt zu Gast im kleinen Wittenberg

"Weltzeit Wittenberg" - ein Stück über die Zeit der Reformation - hatte in der Lutherstadt Premiere

Wittenberg. "Weltzeit Wittenberg" heißt ein Theaterstück, das an den nächsten Wochenenden an verschiedenen Orten in der Lutherstadt zu erleben ist.

Einst, vor einem halben Jahrtausend, war Witttenberg ein Zentrum des Weltgeschehens - dank Martin Luther und seiner Reformation. Heute ist die Lutherstadt eher ein kleines ostdeutsches Provinzstädtchen, auch wenn es angesichts der bevorstehenden 500-Jahr-Feier der Reformation 2017 Hoffnungen gibt, zum "Rom des Protestantismus" zu werden. In der Zwischenzeit holt in diesen Tagen ein Theaterstück das Weltgeschehen der Zeit vor 500 Jahren zurück nach Witttenberg. Die spanische Königin Isabella und Kolumbus, Frau Fugger und Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci und Hans Sachs sind nur einige Personen, die an den nächsten Wochenenden in der abendlichen Stadt zu treffen sind. "Weltzeit Wittenberg" heißt das Stück, das im Untertitel eine "Theatertour in die Zeit des Umbruchs" verspricht. Am vergangenen Wochenende hatte es Premiere.

Theatertour ist dabei durchaus wörtlich gemeint, denn halbwegs gut zu Fuß sollte der Zuschauer schon sein. Aufgeteilt in mehrere Gruppen und ausgestattet mit einem gegen Pfand zu leihenden dreibeinigen Anglerhocker und selbst mitgebrachtem Mückenschutz gehen die Zuschauer auf einen Fußmarsch quer durch die Innenstadt. Dabei verwandeln sich für sie Höfe und Häuser der heutigen Stadt in bedeutenden Orte der damaligen Welt: Stationen sind der spanische Königshof und der Hof des Papstes, Augsburg, Münster, Nürnberg und Basel und natürlich Wittenberg selbst. Begleitet werden die Zuschauergruppen von Laien-Schauspielern, die im wirklichen Leben Wittenberger Stadtführer sind und mit ihrem Witz und Charme aus ihrer Alltags-Tätigkeit auch diese Städte-Führung bereichern. Dabei erleben die Zuschauer ein Panoptikum, an dessen Gestaltung sie manchmal beteiligt sind, das aber vor allem die spannende Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit lebendig werden lässt und - obwohl die Handlung 500 Jahre zurück liegt - auch existentielle Fragen von heute berührt: Leben angesichts des Todes, das Verhältnis von Glauben und Wissen, die Frage nach dem Sinn ...

Die Personen in "Weltzeit Wittenberg", das im Rahmen der Lutherdekade entstand, sind authentisch. Ob sie sich seinerzeit aber wirklich begegnet sind und wenn ja, ob sie dann jene Gespräche geführt haben, die der Zuschauer heute miterlebt, ist zwar in fast allen Fällen fraglich, sei aber durchaus möglich, sagen die Macher des Stücks (Buch Frank Wallis und Inszenierung André Bücker). Die Gesprächsthemen sind vielfältig: die Entdeckung Amerikas, die Vermarktung neuer Erfindungen wie einer tragbaren Uhr, Ablass- und Reliquienhandel oder auch nur die Schaffenskrise eines Künstlers.

Natürlich darf bei einem Stück über die Reformationszeit der Papst nicht fehlen. Zwar spielt er nicht selbst mit, dafür aber sein Geheimkämmerer. Dieser entpuppt sich bei der Begegnung mit dem Universalgelehrten Leonardo da Vinci als Vertreter jener mittelalterlichen Kirchenmacht, die mit allen Mittel ihren Bestand zu sichern sucht. Die Szene entfaltet eine Auseinandersetzung zwischen mittelalterlichem Glauben und neuzeitlicher Naturwissenschaft. In deren Zentrum liegt der päpstliche Elefant, den Leo X. vom portugiesischen König geschenkt bekommen hatte und der gerade gestorben ist. Der Tod des Elefanten war von einer Weissagung begleitet, aufgrund derer nun auch der Papst selbst um sein Leben fürchtet. Da Vinci - wegen seiner anatomischen Studien durch die von der Kirche verbotene Sektion menschlicher Leichen - in Ungnade gefallen, seziert in einer nächtlichen Aktion auch den Elefanten. Dabei wird er erwischt und dem Päpstlichen Geheimkämmerer vorgeführt. Dieser droht da Vinci die Strafen der Inquisition an, ist aber dennoch froh über die auf neuzeitlich-naturwissenschaftliche Weise erworbenen Erkenntnisse über die Todesursache des Elefanten: Dieser starb nämlich aufgrund falscher Fütterung. Der Geheimkämmerer kann dank da Vincis Erkenntnis die Weissagung entkräften und dem Papst die Angst vor seinem baldigen eigenen Tod nehmen.

Ist auch diese Art der Auseinandersetzung zwischen Kirche und Welt heute weitgehend überwunden, stellen andere Szenen dem Zuschauer existentielle Fragen, die ihn genauso berühren wie die Menschen vor 500 Jahren. Eine Szene spielt im Basel des Jahres 1552 während der Pest. Dort wird der zum Protestantismus konvertierte Franziskaner und Universalgelehrte Sebastian Münster ein Opfer des "Schwarzen Todes". Auf seinem Sterbebett konfrontiert er den Zuschauer mit dem Thema, das der eigene Tod auch heute dem modernen Menschen stellt: der Frage nach der Hoffnung.

Aufführungen bis 8. August freitags und samstags um 20 Uhr. Karten telefonisch unter 07 00 / 20 08 20 17.

Von Matthias Holluba

Aktuelle Empfehlung

Der TAG DES HERRN als E-Paper - Jetzt entdecken!

Aktuelle Buchtipps