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Menschen mit verletzter Seele

Caritas-Sozialarbeiter Hans-Peter Schulze berät und begleitet DDR-Unrechtsopfer

Magdeburg. Auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer leiden Menschen an den Folgen der DDR-Diktatur. Diplom- Sozialarbeiter Hans-Peter Schulze berät und begleitet Betroffene.

Hans-Peter Schulze

Wer mit Hans-Peter Schulze auf die DDR zu sprechen kommt, merkt schnell: Verklärende Nostalgie nach dem Motto, vieles sei doch eigentlich gar nicht so schlecht gewesen in der DDR, lässt er so nicht gelten. Dafür sei er inzwischen zu vielen Opfern von System-Unrecht und Gewaltherrschaft begegnet, sagt der Diplom- Sozialarbeiter (FH).

Rund 40 Tage im Jahr ist er quer durch Sachsen-Anhalt unterwegs. Gemeinsam mit dem Mitarbeiter des Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Dr. Wolfgang Laßleben, und einer weiteren Kollegin bietet der bei der Caritas für das Bistum Magdeburg tätige Sozialarbeiter dann bei Beratungstagen seine Dienste an. Darüber hinaus wird er über das Jahr zu Vorträgen und Informationsveranstaltungen in Schulen, Gemeinden und anderen Institutionen eingeladen. Die Beratungsstelle für Diktaturfolgenberatung des Caritasverbandes und damit sein Büro befindet sich in Magdeburg- Buckau.

Anträge auf Akteneinsicht und Rehabilitation

Bei den Beratungstagen können sich die Bürger helfen lassen, Einsicht in sie betreffende Stasi- Akten zu beantragen. Zudem unterstützt das Team DDR-Unrechtsopfer dabei, gegebenenfalls ihre Rehabilitierung nach dem SEDUnrechtsbereinigungsgesetz in die Wege zu leiten. "Auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es Menschen, die - obwohl berechtigt - bisher keinen entsprechenden Antrag gestellt haben und in der Folge unter Umständen auch keine ihnen zustehende Unterstützung erhalten", sagt Schulze.

"Die Beantragung von Akteneinsicht oder Rehabilitierung ist oft ein Türöffner, seelische Verletzungen zur Sprache zu bringen", so der Berater, der für diesen Dienst eine spezielle zweijährige Ausbildung absolviert hat. Es gebe Menschen, die ab den 1950er Jahren für nichts und wieder nichts 15 Jahre im Gefängnis waren und nie darüber sprechen durften. "Es sind Menschen eingesperrt worden, einfach weil sie anders waren, als die SED-Funktionäre es wollten. Menschen sind durch das Streuen von Gerüchten fertiggemacht worden. Es sind junge Leute aus dem Studium geschmissen worden."

Die nicht seltenen Behinderungen auf dem beruflichen Entwicklungsweg seien leider den nach Punkten vorgehenden Rehabilitierungsstellen oft kaum aktenkundig nachzuweisen, sagt der Sozialarbeiter. Dies dürften die Betroffenen aber auf keinen Fall persönlich nehmen.

Unter denen, die Hilfe suchen, sind Menschen von Mitte 20 bis ins hohe Alter. Im ersten Halbjahr 2009 machten bei insgesamt 21 Beratungstagen in Städten wie Aschersleben, Bismark oder Lutherstadt Wittenberg insgesamt 1342 Ratsuchende von dem Angebot Gebrauch. "Zum Beispiel kommen auch Personen, die ihren leiblichen Eltern weggenommen und zwangsadoptiert wurden und die ihre Eltern suchen. Es kommen Menschen, deren Vater zu stalinistischen Zeiten in die Sowjetunion verbracht wurde und der nie zurückkehrte, bei denen es also um die Aufklärung des Schicksals von Angehörigen geht. Wieder andere kommen mit dem Anliegen, Vorwürfe, für die Stasi gearbeitet zu haben, abzuwehren."

Längere Begleitung von Unrechtsopfern

In manchen der Anliegen seien durchaus zwei Stunden Beratungszeit erforderlich, um helfen zu können, sagt Schulze. Auch ein Nachfolgetermin oder ein Hausbesuch sind im Rahmen des Auftrages des Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR möglich. "Wenn sich daraus aber eine längere psychosoziale Diktaturfolgenberatung entwickelt, jemand also das intensive Gespräch braucht, um mit inneren Problemen besser fertig zu werden, kann ich dies nur anbieten, weil es vom Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und aus anderen Quellen finanziert wird", sagt Schulze. "Für eine solche Begleitung gibt es durchaus Bedarf, etwa von Menschen, die in Haft waren. Immer wieder kommen auch Personen aus den alten Bundesländern extra deswegen hierher nach Magdeburg", so Schulze. "Und es suchen mich auch schon mal frühere inoffizielle Stasi-Mitarbeiter auf, die darüber sprechen wollen, wie sie dazu gekommen sind."

Manchmal sei zunächst auch gar nicht herauszubekommen, warum Menschen zu uns Kontakt aufnehmen, sagt der Berater. "Manche Klienten leiden an Schlaflosigkeit. Es gibt Leute, die Depressionen haben und nicht wissen, warum. Es suchen Menschen bei uns Hilfe, die aus dem Westen zurück in den Osten gekommen sind und es hier nicht aushalten, weil sie sich immer wieder an Situationen in der DDR erinnert fühlen." Manchen Hilfesuchenden müsse er aber auch klar machen, dass er ihnen nicht wirklich helfen kann und sie sich in psychiatrische Behandlung begeben sollen, sagt Schulze.

Dass sich Caritas und Innere Mission seit 2002/2003 in der Diktaturfolgenberatung engagieren, sei unter anderem der Arbeitsgruppe "Versöhnung" der Deutschen Sektion Justitia et Pax und dann dem Einsatz des damaligen Caritas-Direktors Hellmut Puschmann zu verdanken, betont Schulze. "Es gab und gibt Opfer von Systemunrecht, denen allein durch rechtliche Verfahren nicht oder nur teilweise geholfen werden kann und die auf andere Weise Beistand brauchen."

Von Eckhard Pohl

Kontakt

Caritas-Beratungsstelle für Diktaturfolgenberatung, Hans- Peter Schulze, Karl-Schmidt-Str. 5c, 39104 Magdeburg; Tel. 03 91 / 5 20 94 02, E-Mail: schulze@caritas-ikz-md.de; Internet: www.caritas-magdeburg.de; Sprechzeiten: donnerstags 14 bis 18 Uhr, sonst Termine nach Vereinbarung.

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